Zeitung Heute : Ausgeflogen

Die Brieftaubenzüchter haben Probleme mit dem Nachwuchs. Es gibt keinen. Die Söhne übernehmen die Schläge der Väter nicht mehr. Alle deutschen Taubenzüchter werden daher aussterben - und mit ihnen alle deutschen Brieftauben. Das liegt an den Frauen, heißt es.

Torsten Hampel[Essen]

Von wegen: Die Brieftaube sei das Rennpferd des kleinen Mannes. Von wegen: kleiner Mann. Der Mercedes in Gerd Seidels Garage ist nagelneu. Nebenan ist sein Schwimmbad, und zur Arbeit gehen muss Seidel auch nicht, er hat Grundbesitz. Er kann auf dem Balkon lümmeln, den ganzen Tag, wenn er will, und hinunter in seinen Garten schauen oder auf die hohen Pappeln hinten am Horizont, dort, wo aus der Stadt Essen die Stadt Oberhausen wird. Er kann aber auch heruntergehen zu seinem Taubenschlag.



Der Taubenschlag. Dort muss das nächste Missverständis aus der Welt. In echten Taubenschlägen geht es selten so zu wie in sprichwörtlichen. Hier schlagen keine Türen, hier macht keiner Radau. Stattdessen stehen die Vögel still und ruhig, wie Wachleute, jeder vor seinem Wohnkasten. Sie rühren sich nicht, kein bisschen. Sie schauen einen konzentriert an. Sie haben keine Ahnung.



Die Essener Brieftaubenzüchter haben Probleme mit dem Nachwuchs. Es gibt keinen. Die Essener Brieftaubenzüchter werden aussterben und ihre Vögel mit ins Grab nehmen. Alle deutschen Taubenzüchter werden aussterben und mit ihnen alle deutschen Brieftauben. Die Söhne übernehmen die Schläge der Väter nicht mehr. Weil ihre Frauen es so haben wollen, sagt Gerd Seidel. Die Frauen sind schuld. Er macht ihnen keinen Vorwurf. Aber sie fallen ihm immer als erstes ein, die Frauen, wenn ihn einer nach den Gründen für den ausbleibenden Nachwuchs fragt. Welches junge Mädchen macht es denn heute noch mit, die Sommersonntage auf den Kerl zu verzichten, der gerade im Garten oder unterm Dach auf die Heimkehr seiner Vögel wartet? Der zwei, drei Stunden am Tag Taubendreck von den Schlagböden spachtelt und Wasser und Körner und Mittelchen in die Schalen schüttet? Die Frauen heute wollen lieber an den Baggersee oder in die Natur oder abends tanzen. Seidel sagt nicht, dass sie illoyal sind oder ohne Verständnis. Seidel sagt, dass sie Recht damit haben, ihr Leben nicht mit Taubenzüchtern verbringen zu wollen. Und er wundert sich insgeheim über seine Annette, die das bei ihm von Anfang an, seit 1962, mitmacht. Das Spachteln, das Warten mit dem Essen am Sonntag, die Urlaube, die immer nur kurz waren. Frau Seidel liebt die Tauben so sehr wie ihr Mann. Aber schon die Söhne der beiden können die Champions des Vaters nicht von einem Huhn unterscheiden.

Sonnabendnachmittag, gegen fünf, geht es los. Seidel lädt die 29 Tauben, denen er die Reise ins Südharz-Städtchen Sangerhausen und den Flug zurück an die Ruhr zumuten will, hinten ins Auto und fährt los zum Einsetzen. Eine alte Garage neben einem Lebensmittellager ist das Ziel, sie steht voll mit zwei Dutzend Männern und flachen Käfigen, zwanzig Zentimeter hoch, die Fläche einen Meter im Quadrat. Einsetzen bedeutet, die Vögel in diese Käfige zu stecken, sie vorher noch über einen Scanner zu heben, der ihren Jahrgang und die Nummern der Tauben von den elektronischen Fußringen abliest. Die Tiere gewinnen Preise, sie sind mitunter etliche Tausend Mark wert, manche werden sogar geliebt. Doch Namen haben sie nicht. Sie werden in die Käfige gesteckt, zu den anderen, und sie stehen dort dicht beieinander. Blaue, Rote, Gehämmerte, Silbergraue und Schimmel. Nicht so dicht wie noch vor einigen Jahren, da habe sich einiges geändert mit dem Tierschutz. Auch wird ihnen Wasser zum Trinken gereicht. Die Tauben trinken aber nicht. Sie machen dasselbe wie am Vormittag im Schlag. Sie stehen still auf dem Fleck, nehmen keine Notiz voneinander und vom Hallo um sie herum, und sie schauen konzentriert. Sie wirken versunken wie Boxer vor dem Kampf. Sie scheinen es nicht leicht zu nehmen mit dem, was sie erwartet. Zunächst die Fahrt auf der Autobahn in einem Lastwagen. Insgesamt 7000 Vögel werden morgen in aller Frühe wieder aus den Käfigen herausfliegen.



Wie lange wird es dauern, bis es Männer wie Seidel und seine Konkurrenten hier in der Garage nicht mehr geben wird? Er selbst wird sechzig, damit ist er jünger als der Durchschnitt der Essener Züchter. In zehn, spätestens zwanzig Jahren werden sie es alle im Kreuz haben, sie werden die schweren Säcke mit dem Futter nicht mehr schleppen können. Sie werden nicht mehr die Leitern hochkommen zu den Schlägen unterm Dach. Oder sie werden gestorben sein.



Sonntagvormittag in Seidels Garten, gegen zehn Uhr. Die Tauben sind jetzt seit drei Stunden unterwegs, sie müssten so langsam die Türme von Essen sehen. Der Himmel ist blau, wie seit Tagen. Es ist Ostwind, Mit-Wind also. Das kann Seidel von seinem Platz im weißen Plastikstuhl aus sehen. Der Windhahn auf dem Kirchturm rechts hinterm Haus schaut dahin, wo die Sonne steht. Und da, auf dem First, ist das seine erste Taube? Nein, das ist nicht meine, sagt Seidel, die wäre ein bisschen zu schnell.



Der Brieftaubensport ist nicht kalkulierbar, von der Zeit her. Sie sagen tatsächlich Brieftaubensport. Weil es nicht immer einer war, müssen sie das betonen. "Während in früheren Jahrzehnten Brieftaubenauch im Heereseinsatz genutzt wurden, wird seit 1945 in Deutschland Brieftaubensport ausschließlich - wie der Name bereits sagt - zu sportlichen Zwecken ausgeübt." So schreibt es der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter. Gerd Seidel ist ein erfolgreicher Brieftaubensportler. Er mischt seit Jahren vorn mit in seiner Vereinsgruppe, der Reisevereinigung Essen-Borbeck. Und er ist der Konkurrent von Klaus Buschmann. Seidel ist der einzige, der dessen Siegesserie in den letzten sieben Jahren unterbrechen konnte. Sie sind beide respektable Herren, und sie sind beide aus der Mode. Aber jeder anders.



Es geht jetzt sehr schnell. 10 Uhr 28, ein Absturz aus großer Höhe, rasend, eine Rechtskurve, einmal ganz rum, 360 Grad, segeln, flattern, Schubumkehr, daheim. Seidel sitzt nicht mehr, seine Arme sind in die Hüften gestemmt, pfeifend, hin und her tippelnd schaut er hinauf, den Kopf im Nacken. Da, wieder zwei, wieder Rechtskurve, sie landen auf dem Dach vom Taubenschlag. Wertvolle Sekunden vergehen, Seidel pfeift, lockt, spricht, und ja, jetzt hüpfen die beiden auf das Blech vorm Ausflug, geschafft, die Ankunftszeit ist registriert.



Am Nachmittag wird er wissen, dass von seinen 29 Tauben 20 in den Punkten sind, im ersten Drittel der Ankommenden. "So einen Schnitt muss man schon haben", sagt Seidel. Für Titelverteidiger Buschmann läuft es nicht so gut, 21 von 42 Vögeln haben gepunktet. Das ist bereits sein zweites mittelmäßiges Ergebnis in dieser Saison.



Ankommen: Die Tauben haben ganz schön was auszuhalten. Als sei das alles bis jetzt nicht schon schlimm genug gewesen, steht den Vögeln eine ganz besondere Tortur noch bevor. Sie bekommen ein Getränk gereicht, das es in sich hat. Wasser mit zerkochten Zwiebeln und Knoblauch drin, und dann "muss da noch Essig rein, damit sich das hält", sagt Seidel. Das Getränk soll den Heimkehrern gut tun.



Klaus Buschmann bedauert, dass sich alles ändert, auch im Verein. "Ein wenig mehr Menschlichkeit von Sportfreund zu Sportfreund" wünschte er sich in einem Interview mit dem Fachblatt "Die Brieftaube". Zwei Jahre ist das her, und heute treibt ihn das immer noch um, denn er sagt es wieder. "Sehen Sie", sagt er und weist in den leeren Saal hinter sich, "früher wären die alle noch hier geblieben, zum Reden und Trinken". Heute kommen die Züchter am Sonntagnachmittag kurz herein in das Vereinslokal, lassen ihre Ankunftszeiten registrieren und gehen wieder. Buschmann schwitzt, weil es in der Ecke, in der das elektronische Erfassungssystem steht, der Computer, furchtbar heiß ist. Er kümmert sich um die Registrierung, jeden Flugtag. Er sieht traurig aus. 

Manche Taubenschläge stehen in Schrebergärten. Es sind wenige, weil es immer schwieriger wird, Tiere im Kleingarten zu halten. Die Vorschriften verbieten das. Aber man findet sie noch, die kleinen Holzhütten in den Blockinnenhöfen mit den Tauben drin. Gerd Seidel kennt ein paar und klappert sie gegen Mittag ab, um die Ankunftszeiten seiner Tiere mit denen der Konkurrenten zu vergleichen. Ringsherum Mietshäuser, innen drin kleine Paradiese. Auf diese Schollen ist die Gardena-Gartengeräte-Kultur nicht vorgedrungen. Hier sind keine gelb-geleckten Wasserschläuche zu sehen, sauber aufgerollt auf kleinen Wägelchen. Der Rasen wird nicht elektronisch beregnet, gemäht nur selten. Die Bäume sind nicht verschnitten, und in den Fenstern der Gerätehäuschen hängen keine Spitzen-Gardinen. Gerätehäuschen gibt es gar nicht. Stattdessen schmutzig-gelbe Wellplastik-Verschläge und herumliegende Dachpappe. Schwiegertöchter mit nachtschwarzer Dauerwelle liegen im Liegestuhl, neben strickenden Müttern, die "hier ist es herrlich, nicht?" sagen. Das ist keine Frage, sondern ein Ausruf. Sie wissen, dass es bei ihnen herrlich ist.



Die Brieftaubenkamen vor über hundert Jahren, vom Ursprungsland Belgien aus, über das Aachener Kohlerevier an die Ruhr. Noch heute lebt hier jede dritte deutsche Taube. Drei Millionen sollen es sein. Ihre Zucht ist zur Massenbeschäftigung geworden, als die Massen, wenn sie Männer waren oder Jungs und ihre Familien durchbringen wollten, in Essen und Gelsenkirchen und Bochum nichts anderes tun konnten als einfahren in den Schacht. Da ist es dunkel, eng, oft kann der Hauer nur knien, die Luft ist schlecht. Die dann wenigstens am Sonntag einmal in den Himmel gucken wollten, ihren Vögeln nach, wenn sie bei Trainingsflügen übers Revier kreisten oder zurückkehrten beim Preisflug.



Irgendwann nach 12 Uhr kommt noch eine Taube an im Schlag des Kleingarten-Kumpels. "Das macht der drei, vier Mal, dann kriegt der den Kopf ab", sagt Seidel. Die Zuspätkommer riskieren viel. Das Töten aber bereitet Seidel Schmerzen. Deshalb nimmt er das Hackebeil und macht es bei seinen Tieren zu Hause. Üblicherweise reißt man ihnen den Kopf vom Hals, das ist ihm zu blutig. Schmerzen hat er vielleicht auch deshalb, weil die Todeskandidaten, die Zuspätkommer, ein Geheimnis haben. Mit jedem Flug eines mehr. Im Gegensatz zu den Preisgewinnern, den Champions. Die sind einfach nur geil, die wollen zurück zu den Taubenfrauen, die ihnen vor der Verschickung nochmal kurz gezeigt wurden. Sie sind den kürzesten Weg geflogen, gerade durch, wie mit dem Lineal vermessen. Die Langsamen, die hätten was zu erzählen.



Die Züchter wissen vom Flug ihrer Lieblinge so gut wie nichts. Sie wissen nicht, wieso sie heimfinden, sie kennen auch den Weg nicht, den sie nehmen. Wo war das Männchen, das zwei Stunden nach den anderen ankam oder gar erst eine Woche später? Was ist ihm zugestoßen, was hat es erlebt? Hat es die Frankfurter Paulskirche gesehen oder den Michel in Hamburg? Ist er abgestürzt und musste sich erst wieder berappeln? Vielleicht muss man ihnen gerade deshalb den Kopf abhauen, den Langsamen, weil sie Geheimnisse mit sich herumtragen. Weil sie etwas erlebt haben, was ein Mensch nie erleben wird, und es nicht einmal verraten. Die schnellen Streber, die dem Züchter nur das Fliegen voraushaben, machen es ihnen da leichter. Die gewinnen, die suggerieren, dass die Menschen Einfluss auf sie haben, ihren Flug lenken können, ihn schneller machen. Die halten sie in dem Glauben, dass das Fliegen lassen besser sei als das Selberfliegen.



Gerd Seidel ist zurück. Es ist abends, die Wangen sind rot von ein paar Schnäpsen. Morgen früh wird er wieder auf dem Balkon stehen und auf seinen Schlag schauen. Doch auch, wenn es hier so aussieht: Die Brieftaube ist es längst nicht mehr, das Rennpferd des kleinen Mannes. Das Rennpferd des kleinen Mannes hat hundert PS oder mehr. Man kann seine Frau hineinsetzen und sie an den Baggersee fahren.

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