Zeitung Heute : Ausgehen üben

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Dorothee Nolte

WAS MACHEN WIR OSTERMONTAG?

Foto: Mike Wolff

Wir haben es verlernt. Wir wissen nicht mehr, wie es geht. Haben wir es je gewusst? Fest steht: Wir können es nicht mehr, wir sind Eltern. Ich spreche vom Ausgehen.

Früher, so glaube ich mich zu erinnern, ging man einfach aus, ließ sich treiben und hatte Spaß dabei. Eltern dagegen kennen nur kurze und durchgeplante Nächte: da ein beruflicher Termin, hier eine private Einladung, da der ganz konkrete Film und dann hopphopp zurück zum Babysitter. Kürzlich hatten wir uns vorgenommen, einen Abend lang Kinderlosigkeit zu simulieren; wir wollten, so verabredeten wir penibel mit der Großmutter, mal wieder ganz spontan sein und was erleben. Freudig erregt traten wir aus der Tür. Nach einigem Rumkurven, Parkplatzsuchen, Reingucken, Verwerfen – man kennt sich ja nicht mehr aus – landeten wir in einem zugigen Kreuzberger Restaurant, wo wir für wenig Geld so viel langweiliges Essen bekamen, dass hinterher an Tanzen nicht mal mehr zu denken war.

Schon zu diesem Zeitpunkt, die Nacht war noch sehr jung, schlich sich der Gedanke in mein müdes Hirn, dass man auch wieder heimfahren könnte. Aber nein, wir wollten ja was erleben. Kino? Am Potsdamer Platz hatten alle Filme gerade begonnen. Unschlüssig wanderten wir um unser Auto herum, spähten in Bars, stolperten durch die Arkaden, die an einem Samstagabend Depressionen auslösen können, und ins Imax, wo ebenfalls alle Filme gerade liefen. Im oberen Geschoss entdeckten den Imax-Spielzeugladen und verbrachten dort eine zufriedene halbe Stunde. Von den Stofflöwen, Kängurus mit Sprungfedern und Dinosaurier-Skeletten zum Zusammenbauen fühlten wir uns endlich angenommen und verstanden. Der Kindsvater begann sofort, Tierlexika zu vergleichen, da sich unser Ältester zur Zeit für die Unterschiede zwischen Wieseln, Mardern, Seeottern und Dachsen interessiert. Ich blätterte in den Rätselbüchern für Vorschulkinder, und während ich einen Stoffesel kraulte, wurde mir klar: Das mit dem Ausgehen war früher irgendwie anders. Wir waren dann sehr früh wieder zu Hause.

Wir lassen uns aber nicht entmutigen. Das Leben bietet noch genug Chancen. Übermorgen versuchen wir es erneut, ganz vorsichtig beim Kubaner um die Ecke, dann belegen wir einen Kurs zur Wiedereingliederung von Eltern ins Nachtleben, in den nächsten zehn Jahren arbeiten wir uns systematisch durch die künftigen Szeneviertel Köpenick und Marienfelde. Im Rentenalter werde ich dann endgültig zum Glamour-Girl mutieren und, sehr blond und im bauchfreien Top, in den angesagtesten Clubs auf den Tischen tanzen. Bis dahin gibt es sicher viele schicke Senioren-Bars und Rentner-Lounges, in denen die geburtenstarken Jahrgänge ihrem Ende entgegenchillen können. Vergessen wir nicht: Heute ist das Fest der Auferstehung. Es knospt und grünt überall. Auch ein verschrumpeltes Elternteil kann wieder neu erblühen.

Imax, Marlene-Dietrich-Platz 4. Auf „Berlins größter Leinwand“ laufen neu die 3D-Filme „Abenteuer Regenwald“ und „Die Geister der Titanic“, außerdem „Ocean Wonderland“ und andere. Und ein Buch, das einen verpatzte Abende vergessen lässt: Ian McEwan: Abbitte (Diogenes Verlag).

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