Zeitung Heute : Ausgeliefert

Der Krieg ist ihr Job und Kriegsgefangenschaft Berufsrisiko. Jetzt sind Soldaten in die Hände des Feindes geraten und dienen als Unterpfand. Geschützt sind sie durch die Bestimmungen der Genfer Konvention vor Tod und Misshandlung – aber nur auf dem Papier.

Caroline Fetscher

Sie sind bei Müttern und Großmüttern aufgewachsen, ihre Väter kannten sie nur als Foto an der Wohnzimmerwand: Zehntausende von Nachkriegskindern warteten, wie die Mütter, Schwestern, Ehefrauen, auf die „Kriegsheimkehrer“. Adenauer hatte bei seinem berühmten Besuch in Moskau die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen erwirkt, der sowjetische Ministerpräsident Nikolai Bulganin hatte Wort gehalten. Ab 7. Oktober 1955 kehrten 9626 Kriegsgefangene und an die 20000 so genannte Zivilinternierte zurück in ihre Dörfer und Städte. Ein Triumphzug von siebzehn Bussen rollte als erstes heran.

Dann erzählten sie: Von Stacheldraht und Eiseskälte, Heimweh, Hungerrationen und Zwangsarbeit – aber auch von sowjetischer Technik und Infrastruktur. Für jedes Militär, jeden Geheimdienst der Kriegsparteien sind Gefangene nicht nur Unterpfand bei Verhandlungen, sondern auch wertvolle Informationsquelle. So werden die irakischen Streitkräfte und Kundschafter jetzt versuchen, aus jedem gefangenen Soldaten der Allianz eine Quelle und ein Pfand für sich zu machen. Reden sollen sie – die Fernsehaufnahmen von Al Dschasira suggerierten das bereits, in denen die Soldaten, bedroht und in offenkundiger Todesangst, vor der Kamera Ränge, Namen und Herkunft nannten. Genau das fürchten die Amerikaner, denen, wie jeder kriegserfahrenen Macht, der Wert der Gefangenen klar ist. Von 1946 an interviewte die US-Air-Force insgesamt 300000 deutsche „Kriegsheimkehrer“ zu ihren Erfahrungen in der Sowjetunion.

Verhöre auf Guantanamo

Nichts anderes kalkulieren die Amerikaner, wenn sie auf der kubanischen US-Basis in Guantanamo-Bay derzeit Hunderte afghanische „unlawful combattants“ verhören, und ihnen „sachdienliche Hinweise“ abpressen wollen. Der juristische Status dieser Gefangenen ist ungeklärt – doch Menschenrechtler protestieren seit mehr als einem Jahr mit Briefen an Donald Rumsfeld und Colin Powell gegen die Zustände auf Guantanamo. „Manche dieser Gefangenen haben nichts zu tun mit Al Qaida oder den Taliban“, schreibt Kenneth Roth, Vorsitzender von Human Rights Watch, an Donald Rumsfeld: „ Sogar nach offiziellen Angaben der US-Armee befinden sich unter den Festgehaltenen Bauern und Taxifahrer, Schuster, Brennholzverkäufer und andere Arbeiter, die niemals gegen die USA zur Waffe gegriffen haben.“

Nur eine Hand voll extrem Unergiebiger wurde bisher aus den käfigartigen Open-Air-Zellen der Insel entlassen, die laut Amnesty International der Genfer Konvention widersprechen. Und nicht nur die Zellen.

In Feindeshand gefallene Mitglieder von Streitkräften, waren früher rechtlos. Heute sind sie, zumindest auf dem Papier, vom Völkerrecht geschützt und sollen menschenwürdige Behandlung erhalten. Kriegsgefangenschaft ist so alt wie der Krieg selbst. In der Antike galten Kriegsgefangene als „Lohn des Siegers“, und der konnte mit ihnen verfahren, wie er wollte: sie töten, als Sklaven verkaufen, zur Arbeit einsetzen. In der frühen Neuzeit wurden Soldaten zum Wirtschaftsgut. Die Parteien tauschten sie aus, um die Unterhaltskosten zu minimieren. Als nationale Armeen, „Volksheere“, entstanden, lag den kämpfenden Parteien daran, die gefangenen Soldaten so lange der Konflikt dauerte wegzusperren oder sie, streng bewacht, in Bergwerken und Fabriken einzusetzen.

Behandlung nach Rang

Schon immer gab es Klassenunterschiede bei Kriegsgefangenen. Wie Napoleon auf Sankt Helena Salons und Bedienung erhielt, so galt für Offiziere und Generäle in den großen europäischen und kolonialen Kriegen, dass sie „ihrem Rang entsprechend“ behandelt werden müssen: Ein Garant dafür, dass sich auch die Gegenseite daran hielt.

In den unübersichtlichen Kriegen der Postmoderne, wo Warlords und Schurkenstaaten mitmischen, vorgetäuschte Kapitulation – wie jetzt auch im Irak – und andere Taktiken praktiziert werden, kann sich keine Partei auf die andere verlassen. Iraks Führung hat erklärt, die Gefangenen würden „nach der Genfer Konvention“ behandelt. Das hieße: Sie erhalten ausreichende Ernährung, Kleidung und medizinische Versorgung, dürfen Briefe schreiben und dürfen nicht menschenunwürdig behandelt werden. Ob ein Regime, das auch Hunderttausende eigener Bürger jenseits des Menschenrechts behandelt, solche Versprechen einhält, ist fraglich. Das Rote Kreuz verlangt jetzt von allen Kriegsparteien im hypermedialen Zeitalter, Gefangene dürften keinesfalls im Fernsehen oder auf Zeitungsfotos „individuell identifizierbar, entwürdigt und gedemütigt“ gezeigt werden. Islamische Politiker erklären, die USA und Großbritannien hätten das längst getan – in Guantanamo und in diesen ersten Kriegstagen.

Am deutschen Grenzdurchgangslager Friedland baute man 1966 ein gigantisches Mahnmal aus Beton. Es symbolisiert ein nach allen Himmelsrichtungen offenes Tor. Seine Inschrift lautet: „Völker entsaget dem Hass! Versöhnt Euch, dienet dem Frieden – baut Brücken zueinander!“

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