Ausgewiesen : Israels Botschafter muss die Türkei verlassen

Erst beschimpft, dann mit Eiern beworfen und jetzt des Landes verwiesen. Gaby Levy war jahrelang Israels Mann in Ankara. Seine Geschichte ist auch die Geschichte des Verfalls der türkisch-israelischen Beziehungen.

Gepackte Diplomatenkoffer. Gaby Levy (oben) soll nicht mehr in der Türkei arbeiten. Auch in der türkischen Botschaft in Tel Aviv wird Personal ausgetauscht.
Gepackte Diplomatenkoffer. Gaby Levy (oben) soll nicht mehr in der Türkei arbeiten. Auch in der türkischen Botschaft in Tel Aviv...Foto: afp

Als Gaby Levy vor der Universität der Schwarzmeerstadt Trabzon vorfuhr, warteten die Studenten schon auf ihn. Es kommt nicht oft vor, dass der Botschafter eines wichtigen Staates mit Leuten in der türkischen Provinz redet. Noch weniger alltäglich ist es, dass dieser Botschafter sogar Türkisch spricht und selbst aus der Türkei stammt. Levy, 1944 im westtürkischen Bergama geboren, hatte an jenem Novembertag vor zwei Jahren in Trabzon dennoch keinen Heimvorteil. Die Studenten hießen ihn nicht willkommen, sondern bewarfen ihn mit Eiern. Die Sicherheitskräfte schritten ein, Levy trat den Rückzug an. Er hatte nicht einmal aus seinem Auto aussteigen können. Das liegt an seinem Job: Gaby Levy ist Israels Botschafter in der Türkei.

Bei informellen Terminen unterhielt Levy sich meist auf Türkisch, wechselte aber ins Englische, wenn es ernst wurde. Und ernst wurde es ziemlich häufig während seiner vierjährigen Amtszeit. Unzählige Male musste er im türkischen Außenamt antreten, um sich einen Protest anzuhören, bat aus Frust mehrmals um Versetzung in den Ruhestand, musste aber auf Geheiß der israelischen Regierung auf seinem Posten ausharren. In Ankara wurde er von Regierungsempfängen ausgeschlossen, auf dem Land von Provinzbürgermeistern beschimpft. Und nun endete seine Dienstzeit mit dem offiziellen Rauswurf durch die türkische Regierung – weil die israelische Regierung eine Entschuldigung für den Tod von neun türkischen Aktivisten bei dem Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte im vergangenen Jahr ablehnt. Bis Mittwoch muss Gaby Levy das Land verlassen haben, ordnete Außenminister Ahmet Davutoglu an. Da ist er ihm zuvorgekommen: Levy macht derzeit Urlaub in Israel. „Ich werde nur noch als Tourist in die Türkei kommen“, wurde er in türkischen Zeitungen zitiert.

Die Geschichte von Levys Amtszeit ist die Geschichte eines rasanten Zerfalls der Beziehungen zwischen zwei Ländern, die sich einst prächtig verstanden. Die muslimische Türkei und der jüdische Staat Israel betrachteten sich als Vorposten der westlichen Demokratie in einer ungemütlichen Weltgegend, besonders die Militärs beider Länder arbeiteten eng zusammen und ließen ihre Soldaten sogar gemeinsam üben, was viele muslimische Länder in Nahost überhaupt nicht gerne sahen. Recep Tayyip Erdogan, der fromme Muslim im türkischen Ministerpräsidentenamt, investierte viel Zeit und Mühe in indirekte Friedensgespräche zwischen Israel und Syrien.

Heute taucht Israel in türkischen Zeitungen mit dem Beinamen „Terrorstaat“ auf, und als Levy vor zwei Jahren kurz vor seinem unangenehmen Besuch in Trabzon beim Bürgermeister der nordtürkischen Stadt Rize vorbeischaute, hörte er die Belehrung, dass Israel keinen Nahost-Frieden schaffen könne, solange es palästinensische Babys abschlachte. Laut einer aktuellen Umfrage sehen 24 Prozent der Türken den Staat Israel als Bedrohung, der Iran gilt bei ganzen drei Prozent der Türken als Gefahr. Sogar das plötzliche Auftreten einer durch Zecken übertragenen tödlichen Krankheit in Teilen Anatoliens wurde in der Boulevardpresse den Israelis zugeschrieben.

Dabei war die Türkei immer stolz auf Leute wie Levy. Zweimal in ihrer Geschichte retteten die Türken die Juden vor der Vernichtungsmaschinerie europäischer Rassisten, wie Politiker in Sonntagsreden gerne erzählen. Während der spanischen Inquisition Ende des 15. Jahrhunderts lud der türkische Beyazit Sultan die vertriebenen Juden ins Osmanische Reich ein, auch um von deren Geschäften zu profitieren. „Und ihr nennt Ferdinand einen weisen König?“ soll der Sultan damals über den spanischen Monarchen gesagt haben. „Er macht sein eigenes Land arm und meines reich.“ In der Nazizeit dann retteten türkische Diplomaten tausende europäische Juden vor Verfolgung und Tod, deutsche Intellektuelle fanden in der jungen türkischen Republik Schutz vor Hitler. Der spätere Berliner Bürgermeister Ernst Reuter lehrte in Ankara Kommunalpolitik und Städtebau, Paul Hindemith kümmerte sich um die musikalische Ausbildung der Türken, der Architekt Bruno Taut entwarf das türkische Parlamentsgebäude. Nach dem Krieg gehörte die Türkei zu den ersten Staaten, die Israel anerkannten.

All das ist vorbei. Inzwischen taumeln die türkisch-israelischen Beziehungen von einer Krise in die andere, besonders seit der israelischen Militäraktion im Gazastreifen Ende 2008. Erdogan fühlte sich vom damaligen Ministerpräsidenten Ehud Olmert persönlich düpiert, weil dieser bei einem Besuch in Ankara kurz vor der Intervention den geplanten Angriff mit keinem Wort erwähnte. Wenig später wurde Erdogan in der islamischen Welt zum Helden, als er sich mit dem israelischen Präsidenten Schimon Peres beim Weltwirtschaftsforum in Davos ein lautstarkes Streitgespräch lieferte und schließlich wutentbrannt von der Bühne stürmte. Mit der mehrmals wiederholten Bitte „One minute“ hatte Erdogan, der kaum Englisch spricht, zuvor vergeblich mehr Redezeit gefordert. Tausende feierten Erdogan bei der Rückkehr aus Davos in die Türkei wie einen Eroberer. „One minute“ wurde in der Türkei und in Nahost zum geflügelten Wort, zunächst als Formel für den mutigen Einspruch gegen Ungerechtigkeit, später für alles Mögliche. Türkische Straßenkinder betteln heute mit dem Ausruf „One minute“ die Touristen an. Friseurläden in Istanbul nennen sich „Wan Minit“, um einen besonders guten und schnellen Service anzupreisen.

Beide Seiten haben ihre eigenen Erklärungen dafür, warum das türkisch-israelische Verhältnis so zerrüttet ist. Israel führt den auch im Westen geäußerten Vorwurf ins Feld, die Türkei unter Erdogan wende sich immer mehr den islamischen Radikalen zu und lege deshalb keinen Wert mehr auf ein gutes Verhältnis zum jüdischen Staat. Botschafter Levy, der in der Öffentlichkeit meist zurückhaltend blieb, redete laut Wikileaks hinter verschlossenen Türen Klartext. Wenn Erdogan über Israel herziehe, dann habe das nichts mit Politik zu tun, sagte Levy demnach US-Diplomaten. Erdogans anti-israelische Haltung sei eine tief sitzende persönliche Sache. „Er ist ein Fundamentalist“, sagte Levy über den türkischen Premier. „Er hasst uns aus religiösen Gründen, und sein Hass breitet sich aus.“ Türkische Regierungsvertreter weisen die These von der Umorientierung zurück. Für sie ist die rechtsgerichtete Regierung von Benjamin Netanjahu in Israel schuld an dem Desaster. Mehrmals standen israelische und türkische Unterhändler dem türkischen Außenminister Davutoglu zufolge vor einer Einigung im Streit um den Angriff auf die Gaza-Flotte. Eine Abmachung sei aber jedes Mal von Netanjahu oder dessen Außenminister Avigdor Lieberman torpediert worden. Ankara sei an funktionierenden Beziehungen zu Israel interessiert, betonen türkische Diplomaten: Nur auf diese Weise kann die Türkei ihren Anspruch auf eine Führungsrolle als Regionalmacht begründen, die mit allen Lagern in Nahost sprechen kann. Doch nun wurden Erdogan und Davutoglu zu Gefangenen ihrer eigenen Rhetorik. Sie hatten sich so häufig auf die Forderungen nach einer Entschuldigung Israels und nach Entschädigungszahlungen für die Opfer des Angriffs festgelegt, dass sie nach Israels Weigerung unmöglich einlenken konnten. Also eskalierten sie die Situation weiter.

Ausgestanden ist die Angelegenheit auch mit der Ausweisung Levys noch nicht. Erdogan plant nach Presseberichten für die kommenden Wochen einen Besuch im Gazastreifen – und zwar per Einreise über Ägypten, nicht Israel. Außerdem steht in einigen Wochen die Ausrufung eines Palästinenser-Staates bevor, den die Türkei sofort anerkennen will. Ankara wolle Israel unbedingt in die Knie zwingen, um den Anspruch auf eine Führungsmacht zu untermauern, sagen israelische Beobachter. Doch der Rückhalt für Erdogans harte Haltung in der türkischen Öffentlichkeit stützt sich eher auf das weit verbreitete Gefühl, dass Israel für den Tod der neun Gaza-Aktivisten in irgendeiner Form bezahlen muss. „Was hätte die Türkei denn angesichts dieser Barbarei, dieser Unverschämtheit, dieser Arroganz tun sollen?“, fragte der Kolumnist Ahmet Hakan, nicht unbedingt ein Freund der Regierung, in der „Hürriyet“ vom Montag mit Blick auf den israelischen Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte. „Hätte man keinen Piep sagen sollen, weil Israel ja ein Recht auf Unverschämtheit und Arroganz hat?“

Die Krise betrifft längst nicht mehr nur Diplomatie und Politik. Urlauber aus der Türkei und aus Israel berichten über Schikanen durch die Behörden des jeweils anderen Landes als Folge der jüngsten Eskalation. Ein türkischer Tourist, Mustafa Teke, beklagte nach der Rückkehr aus Israel, er habe sich einer Leibesvisitation in Tel Aviv unterziehen müssen. „Vor allem wollten sie, dass ich den Reißverschluss an meiner Hose öffne“, sagte Teke der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu. „Wie Terroristen“ seien die Türken behandelt worden. Und israelische Urlauber beklagten, sie seien am Atatürk-Flughafen von Istanbul einzeln verhört worden und hätten ihre Pässe abgeben müssen. Erst nach anderthalb Stunden hätten die Türken sie laufen lassen.

„Ich bin sehr pessimistisch“, sagte Levy kurz vor seinen Rauswurf. Sein Job sei wegen der Anfeindungen sehr schwierig geworden, gab er zu. Deshalb muss sich Levy auf das mehrmals verschobene Ende seiner Amtszeit gefreut haben, er plante jedenfalls schon einen Abschiedsempfang in seinem Geburtsort Bergama. Der Empfang fällt jetzt aus. Immerhin bleibt es ihm erspart, einen letztes Mal mit Eiern beworfen zu werden.

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