Zeitung Heute : Auskunft geben, kostenlos

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Eigentlich, denkt der Herr Rentner, müsste ich noch mehr für meine Heimatstadt tun, als ewig bei Freund und Feind Berlins Schokoladenseiten zu preisen. Das ist ja auf die Dauer langweilig. Es sollte etwas Aktiveres sein. Der Rentner als touristenfreundliche Ich-AG. Man nehme ein Plakat, drehe es um und male auf die weiße Seite „Gebe Auskünfte jeder Art, kostenlos!“. Das hänge man sich um den Hals. Das Wörtchen nach dem Komma ist sehr wichtig, es sagt jedem, dass da eine echte heimattreue Seele vor ihm steht, der nichts ferner liegt, als aus der verzeihlichen Unwissenheit anderer Kapital zu schlagen. Es handelt sich vielmehr um ein von tiefer Heimatverbundenheit durchdrungenes Wesen, das sich nicht scheut, wie eine Litfaßsäule herumzulaufen. Und das auch den Versuch wagt, mit seiner so genannten Berliner Schnauze gegen all die Dialekte, die uns zur Zeit so verheißungsvoll überschwemmen, anzuquatschen, also: „Beschäftijung is ja janz jut, bloß se darf nich in Arbeet ausarten.“

Wichtig ist der Standpunkt. Am besten eignet sich der Pariser Platz. Wer bis hierher vorgedrungen ist, stellt wenigstens nicht mehr die Zentralfrage: „Wie gommsch denn zum Brandenburscher Dohr?“ Wahrscheinlich möchte er wissen, wo, sakra , die Mauer steht und was der Russe da hinten zu suchen hat und ob sein Panzer noch schießen kann und welche Tiere es im Tiergarten gibt und wie man zum Französischen Kaufhaus kommt und wo der Panda seine Bambusflöten knutscht und wie viel Fische durchs Radisson-Hotel schwimmen und wann der Pergamon-Altar geschlossen ist und ob man im Dom auch heiraten kann und was der Gendarmenmarkt gekostet hat und wer auf dem Potsdamer Platz wohnt und ob der Ballon schon mal weggeflogen ist und wer gerade im Adlon logiert und was die Präsidenten-Suite kostet und um welche Zeit der Kanzler vorbeiläuft und wie man am schnellsten zum Hackeschen Markt kommt. „Mit der Taxe“ würde ich sagen. Niemand, der ratlos auf den Stadtplan starrt, ist ab sofort vor mir sicher: „Darf ick Ihnen aus de Patsche helfen?“ Aber was heißt nun wieder „Patsche“ auf Englisch?

Gastfreundliche Ratschläge für Touristen: immer und überall, rund um die Uhr

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