Zeitung Heute : Ausnahmezustand Kosovo

Paolo Pellegrin blieb, als alle anderen gingen – seine Bilder zeigen die Opfer von Gewalt und Vertreibung. Jetzt ist die Arbeit von zwei Jahren in Berlin zu sehen

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Vor drei Jahren – das ist ein Jahrhundert her. Es war ein Jahrhundert der Kriege, das mit einem Krieg endete. In den neunziger Jahren kam die Gewalt zurück, sie suchte ihren Weg durch die Ortschaften, über Felder und fand Tausende Opfer: im Kosovo.

Das war lange schon vorherzusehen, wie ein Sturm, der den Horizont verdunkelt, und als er kam, war er von archaischer Wildheit. Am Ende waren 850 000 Menschen ohne Obdach, sie irrten umher, ihre Häuser waren angezündet worden und niedergewalzt. Und unzählige Tausende waren tot – ihre Zahl steht bis heute noch nicht genauer fest, weil immer noch Gräber entdeckt werden.

Es ist eine alte Geschichte der Menschheit, eine von Grausamkeit und einer Entwicklung, die sich in ihrem Lauf dann nur noch schwer stoppen lässt. Nur noch mit – Gegengewalt. Und zwar der westlichen Wertegemeinschaft.

Diese Geschichte hat eine besondere balkanische Wendung: Wie in vielen Jahrzehnten, Jahrhunderten zuvor waren die Menschen im Kosovo die Leidtragenden. Sie waren Verlorene, Vertriebene auf der Suche nach Hilfe, Zuwendung, Unterschlupf.

Diese Geschichte zu zeigen, zu dokumentieren, was dem Ausbruch der Wildheit folgte, ist einer der Gründe, warum Paolo Pellegrin im Kosovo fotografiert hat. Er blieb, als die meisten Kollegen schon zum nächsten Krieg weitergezogen waren. Pellegrin nahm den Alltag auf, das Grauen, die Zerstörungen. Im vergangenen Jahr erhielt er von Leica die Auszeichnung „Medal of Excellence“ und wurde von der berühmten Agentur „Magnum“ in New York als Mitglied aufgenommen. Spuren des Krieges, Bilder der Vertreibung – die Ausstellung zeigt seine Arbeit von zwei Jahren. Wer sie gesehen hat, wird sie nie vergessen. Und so soll es auch sein. Tsp

Die Landesvertretung Rheinland-Pfalz präsentiert die Ausstellung vom 8. bis 31. August in den Ministergärten 6 täglich von 11 bis 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. Paolo Pellegrin ist kommende Woche zum Workshop in Berlin.

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