Zeitung Heute : Außer Atem

Der Frühling ist da, und wir holen tief Luft – 18 Mal in der Minute. Aber wie atme ich richtig? Und was muss ich sonst noch darüber wissen?

Walter Schmidt

Hinter uns liegt eine harte Zeit. Denn der Winter ist nicht nur dunkel, überdies sind die Bäume kahl. Jetzt aber sprießt es wieder, zum Glück. Grüne Blätter sehen nicht nur besser aus, ohne Blattgrün gibt es auch keine Photosynthese, und ohne die bilden Pflanzen keinen Sauerstoff. Den aber brauchen wir so dringend wie nichts sonst auf der Welt.

Ein Mensch würde etwa einen Monat ohne Nahrung auskommen und wenige Tage ohne Flüssigkeit. Atemlos aber überleben wir normalerweise nur ein paar Minuten. In jeder Minute ziehen wir durchschnittlich 18-mal die Luft ein, jedes Mal einen halben Liter. Vom ersten Schrei als Baby, durch den sich unsere Lungen entfalten, bis zum letzen Zug mit, sagen wir, 75 Jahren kommen so fast 355 000 Kubikmeter zusammen – genug, um ein 70 Meter aufragendes Hochhaus von der Grundfläche eines Fußballfeldes zu füllen.

Der starke Überlebenstrieb

Wir können gar nicht anders. Die Atmung wird über uralte, nicht zu beeinflussende Reflexe gesteuert. „Der Mensch hat einen extrem starken Überlebenstrieb", sagt der Atem-Fachmann Claus-Martin Muth, Anästhesist und Notfall-Mediziner an der Universitätsklinik in Ulm. Willentlich könne niemand bis zum Tod die Luft anhalten. Denn wenn der Kohlendioxid-Gehalt in der Lunge über einen kritischen Wert steigt, zwingt uns das im Übergang vom Rückenmark zum Hirn sitzende Atemzentrum zum Luftholen.

Wie gewaltsam man das Atmen unterdrücken muss, kann kaum einer so gut beurteilen wie Stéphane Mifsud. Der Franzose ist Freitaucher, auch Apnoe-Taucher genannt – „Apnoe" heißt im Griechischen „atemlos“. Druckluft in Flaschen führen Freitaucher nicht mit, wenn sie versuchen, mit einem tiefen Atemzug möglichst lange zu tauchen. Stéphane Mifsud gelang es im November 2003, acht Minuten und 24 Sekunden unter Wasser zu bleiben. Für einen Pottwal ist das gar nichts. Der bis zu 50 Tonnen schwere Koloss jagt typischerweise in Tiefen von 1000 Metern, wurde aber auch schon 2000 Meter tiefer geortet. Durchschnittlich bleiben Pottwale eine knappe Stunde lang unter Wasser, verbürgt ist der Rekord von zwei Stunden und 18 Minuten.

Ein Mensch hätte da keine Chance. Die längste wissenschaftlich dokumentierte Zeit, die jemand ohne Folgeschäden überlebt hat, beträgt 66 Minuten. „Das war ein Grundschulkind in Kanada, das in einen zugefrorenen Fluss eingebrochen ist und erst nach über einer Stunde geborgen wurde und reanimiert werden konnte", erzählt Muth von dem Fall aus den 60er Jahren. Das Herz des Kindes blieb erst stehen, nachdem das Hirn abgekühlt war. Dann verbraucht das Hirn deutlich weniger Sauerstoff. Kinder haben unter solchen Bedingungen die besseren Überlebenschancen, weil sie schneller auskühlen als Erwachsene.

Atmen ist ein Kompromiss

Wenn das Atmen etwas so Heikles ist, wieso hat sich die Natur überhaupt auf dieses Konzept eingelassen? In gewissem Sinne war es ein Kompromiss. „Wir haben uns im Laufe der Evolution angewöhnt, unsere Energie über die Oxidation von Nährstoffen, vor allem von Zucker wie der Glukose, zu gewinnen", sagt Claus-Martin Muth. Beim Verbrennen der Zuckermoleküle in den Kraftwerken der Zelle, den Mitochondrien, entstehen Wasser, Kohlendioxid und der Energielieferant Adenosintriphosphat (ATP). Diese Prozedur erwies sich als sehr effektiv, erlaubte einen Leistungssprung. Zwingend war sie nicht. Denn ursprünglich waren die Organismen ohne Sauerstoff ausgekommen, der in der Ur-Atmosphäre allenfalls in Spuren vorkam. Selbst heute noch gibt es Tiefsee-Bakterien, die ohne Sauerstoff leben und ihre Energie aus Schwefelverbindungen gewinnen. Irgendwann aber kamen die Pflanzen auf und entließen als Abfallprodukt ihrer Photosynthese Sauerstoff in die Luft. Das bot Lebewesen eine Chance, die sich anpassen und Sauerstoff nutzen konnten. Seitdem steht und fällt unser Erfolg mit den Grünpflanzen. Ein Hoch auf den Frühling.

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