Zeitung Heute : Außer Kontrolle

Am Jahrestag der Befreiung feiert in Bagdad niemand. Vor allem Ausländer verbarrikadieren sich sicherheitshalber zu Hause

Susanne Fischer[Bagdad]

Diesmal tanzte in Bagdad niemand am 9. April. Wie Trugbilder wirken heute jene Szenen, die vor einem Jahr um die Welt gingen: Eine Menschenmenge jubelte im Zentrum von Bagdad, als US-Soldaten eine Saddam-Statue vom Sockel kippten und symbolisch den Fall des verhassten Regimes besiegelten. Das, was die neue Skulptur, die jetzt an der Stelle steht, symbolisieren soll, scheint für die Iraker ferner denn je: Freiheit.

Stattdessen versinkt das Land im Chaos. Am Jahrestag der „Befreiung“ überschlagen sich die schlechten Nachrichten: In Mossul soll der Dschihad gegen die Amerikaner ausgerufen worden sein. Kämpfe in Amirija und Dora. Tote bei Gefechten in Kerbela. Ein Waffenstillstand in der sunnitischen Widerstandshochburg Falludscha, die seit Dienstag von US-Truppen abgeriegelt ist, hielt genau 90 Minuten. Dann griffen die amerikanischen Marines erneut an. „Jetzt haben die Amerikaner endgültig gezeigt, dass sie ihr Wort nicht halten“, empört sich ein junger Sunnit vor der Umm-al-Kura-Moschee in Bagdad, als ihm Freunde aus Falludscha telefonisch berichten, es werde wieder gekämpft. Warum die Marines die angeblich vereinbarte 24-Stunden-Frist nicht einhielten, blieb allerdings ungeklärt.

Tausende Iraker, Sunniten wie Schiiten, waren am Donnerstag einem Aufruf in den Moscheen gefolgt, Blut, Lebensmittel und Medikamente zu spenden, um die Hilfsgüter dann mit einem Konvoi zu den eingeschlossenen Menschen zu bringen. Sunniten schwenkten Bilder des radikalen Schiitenpredigers Moktada al Sadr und seines vor fünf Jahren ermordeten Vaters, Ayatollah Mohammed Sadeq Sadr. Schiiten forderten die Amerikaner auf, die Belagerung Falludschas aufzugeben. Noch vor wenigen Wochen war die größte Sorge im Irak ein Bürgerkrieg zwischen den unter Saddam privilegierten Sunniten und den bisher unterdrückten Schiiten, doch der gemeinsame Feind USA hat sie, für den Moment zumindest, zu Verbündeten gemacht.

„Einigen ist während des kurzen Waffenstillstands die Flucht aus Falludscha gelungen“, sagt einer der Helfer, „manche sitzen jetzt in der Wüste fest, ohne Essen, ohne Wasser. Wir müssen hin und ihnen helfen.“ Doch die Lage auf der Strecke zwischen Bagdad und dem etwa 60 Kilometer westlich gelegenen Falludscha ist unübersichtlich. Immer wieder kommt es auf der Autobahn zu Schießereien, auf den Umgehungsstraßen stoppen bewaffnete Milizionäre jedes Auto auf der Suche nach Ausländern. Auf dieser Strecke sollen auch die drei jungen Japaner entführt worden sein, die seit zwei Tagen auf so grausame Art im Fernsehen vorgeführt werden.

Für westliche Ausländer hat sich die Lage im Irak spürbar zugespitzt. Die deutsche Botschaft empfiehlt allen Deutschen die sofortige Ausreise, da sie eine Eskalation der Lage befürchte. Im Palestine Hotel, einer wegen der umfassenden Sicherheitsmaßnahmen bei ausländischen Journalisten beliebten Unterkunft, saßen am Freitag zahlreiche Medienvertreter fest, nachdem ihnen US-Soldaten nahe gelegt hatten, das Hotel nicht zu verlassen. Die umliegenden Straßen waren gesperrt. Die meisten Ausländer bleiben derzeit allerdings ohnehin freiwillig zu Hause. Viele ausländische Firmen haben ihren Mitarbeitern striktes Ausgehverbot erteilt. „Die Tage bis einschließlich Sonntag, dem großen schiitischen Feiertag Arbain, halten hier alle für extrem gefährlich.“ Auch die Iraker sind verunsichert. Die Angst vor Plünderungen geht wieder um, weil immer mehr Polizisten ihre Posten verlassen, nach Hause gehen oder sich den aufgebrachten Anhängern von Moktada al Sadr anschließen. Sie befürchten eine gesetzlose Situation ähnlich der unmittelbar nach dem Krieg, als wegen der Auflösung der irakischen Armee und Polizei weitgehend Anarchie in den Städten herrschte. Viele Familien haben Hamsterkäufe getätigt, sich mit Nahrungsmitteln, Benzin – und Munition versorgt.

Der 9. April in Bagdad: Kein Grund zum Feiern. Stattdessen schickten sich die Iraker gegenseitig SMS mit einer aus Buchstaben zusammengesetzten Irak-Flagge und der Botschaft „Gott schütze unser Land in dieser schwierigen Zeit“.

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