Zeitung Heute : Aussichten eines Clowns

Bernhard Paul war noch keine 30, da begann sein zweites Leben. Als Clown und Direktor des Zirkus Roncalli, gegründet vor 35 Jahren. Hier sollte alles anders sein. Es war sein Lebenstraum. Er träumt ihn noch heute

Was ein Spaß. Ohne Verkleidung kein Clown. In seinem Ursprung, lateinisch oder altnordisch, bedeutet das Wort „Bauerntölpel“. Foto: Reuters/James Boardman
Was ein Spaß. Ohne Verkleidung kein Clown. In seinem Ursprung, lateinisch oder altnordisch, bedeutet das Wort „Bauerntölpel“....Foto: REUTERS

Mitten im Schlussapplaus setzt sich der Clown noch einmal an den kleinen Spiegeltisch, zieht langsam sein Jackett aus, wischt die Schminke vom Gesicht und wird wieder zu dem kleinen Mann im blauen Arbeitsanzug. Verwechselbar, einer, dem niemand ins Gesicht sieht, der überall im Weg ist, dem man höchstens einen Besen in die Hand gibt. So hatte vor mehr als zwei Stunden alles begonnen, und nun ist es vorbei. Nur dass die Welt ein Stück weiter geworden ist inzwischen.

Bernhard Paul hört den Beifall im Roncalli-Restaurantwagen am Rheinufer, als wäre es sein eigener. Er mag das Geräusch. Und ist es etwa nicht sein eigener? Er mag als Clown Zippo in den freiwilligen Unruhestand getreten sein – Zirkusdirektor ist er noch. Hier im Bonner Mai vor genau 35 Jahren hatte Bernhard Pauls zweites, wahres Leben begonnen. Sein Leben als Clown.

„Ich war noch keine dreißig Jahre alt und Art Director von ,Profil’, dem österreichischen ,Spiegel’. Ich war der jüngste Art Director Österreichs überhaupt, aber der mit dem größten Budget“, sagt Paul in jenem Tonfall, in dem man anderen von den schweren Prüfungen des Daseins berichtet. Ja, er sei auch Art Director einer internationalen Werbeagentur gewesen und habe schließlich nur noch eine Frage gehabt: „War das jetzt wirklich schon alles?“

Wann hört ein Spaßmacher eigentlich auf, Spaß zu machen? Andererseits sind Clowns vielleicht die aufrichtigsten Menschen der Welt, und in der Tat steht ein zeitloser, träumerischer Ernst im Gesicht des Roncalli-Direktors, als er fortfährt: „Und ich dachte, einen kleinen Wanderzirkus müsste man haben ….“ Dann wird sein Blick beinahe scharf, prüfend. Immer, wenn er von seinem Lebenstraum erzählt, erntet er dieses kleine, schiefe, fast ungläubige Lächeln. Er mag es nicht.

Die Clowns sterben aus, prophezeite er schon vor Jahren. Wegen dieses Lächelns. Weil die Jungen heute lieber Art Director statt Clown werden wollen. Und vor allem: viel Geld verdienen. „Das Geld zerstört alles“, sagt Paul. Er hat da Erfahrungen.

Mitte der siebziger Jahre beherbergte Wien nicht nur einen ebenso erfolgreichen wie unzufriedenen Art Director, zugleich Enkel des Mannes, der den Text des Donauwalzers gedichtet hat, sondern auch den selbstsucherischen Enkel des großen Wiener Schokoladenfabrikanten Wilhelm Heller, der einst das Dragee erfunden hatte. Und was erfinde ich?, fragte sich André Heller, traf Bernhard Paul, und nur Monate später gaben beide ihre aufsehenerregende Gemeinschaftsantwort, betitelt „Die größte Poesie des Universums“.

Der Titel klingt nach Hellerschem Minimalismus!

„Jaaa“, antwortet Paul. Andererseits zeugt der Titel von großem Realitätssinn. Für die halbe Poesie des Universums lohnte es nicht anzufangen. Kunst geht aufs Ganze.

Dass ihr Zirkus anders sein würde, wussten sie gleich. Gibt es etwas Unpoetischeres als eine Nummernrevue? In der Mitte ihres Zirkus würden die Clowns stehen, und am Anfang und am Ende auch. Jeder Künstler, jeder Dichter ist zuletzt ein Clown. Der Geringste also, der gänzlich Preisgegebene, mit der Maske als einzigem Schutz. Sie nannten ihren Zirkus Roncalli, nach Peter Hayeks „Sarah Roncalli. Tochter des Mondes“. Auch hieß Johannes XXIII., der große Liberalisierer der katholischen Kirche, Angelo Giuseppe Roncalli. Die Italiener nannten ihn „Papa Roncalli“.

Am 18. Mai 1976 war es dann so weit in Bonn. Mit Clowns, Feuerschluckern, Messerwerfern, Jongleuren, Löwen und Bären und mit drei „Goldmenschen“, die alle bejubelten. Die Feuilletons brachten Sonderbeilagen und sprachen von der Neuerfindung des Zirkus. „Roncalli ist mächtiger als das Mögliche!“, hatte Heller angekündigt.

Es gab auch Unstimmigkeiten. Heller wollte, dass sechs Liliputaner in Ku-Klux-Klan-Umhängen mit brennenden Kreuzen Saltos schlagen. Ein Liliputaner kann keine Saltos schlagen, verdarb Paul die Idee. In dem Kostüm könnte es auch kein anderer. Und mit brennendem Kreuz in der Hand könne es nicht mal einer, der Salto schlagend durchs Leben geht.

Selbst gegen Hellers Moderationsvorschläge äußerte er Vorbehalte. Paul zitiert Heller: „Peter Altenberg hat einmal gesagt, wenn du stürzest, so sei es dein eigener Abgrund, in den du fällst …!“

Und dann war es ein großer atemloser Erfolg. Und dann war es vorbei. Sie fielen in ihren eigenen Abgrund. Sie waren pleite. Sie hatten ungeheure Schulden. Denn natürlich musste ihr Zirkus auch äußerlich ein schöner, nostalgischer Traum sein. Ein sehr teurer Traum.

„Im Grunde war es doch so – ich hob gedacht, der Heller hot a Geld. Und Heller hot gedacht, ich hob a Geld. Und alle anderen haben gedacht, die hoben a Geld. Wir sind mit unseren Namen einkaufen gegangen. Wir haben ein Zelt bestellt und nur unsere Namen gesagt.“ Der Abgrund also. Nur wer definiert genau, wo der eigene Abgrund aufhört und der des anderen anfängt? Was sind deine, was sind meine Schulden?

Paul und Heller wussten ja noch nicht einmal genau, wer hier der Chef war. Im Programm stand salomonisch „Regie: André Heller, Gesamtkonzept: Bernhard Paul“. Stand der Gesamtkonzeptmann nun über dem Regisseur, oder war er nur der Steigbügelhalter der Regisseursgenialität? Der Ruhm, befand Heller, ist unteilbar. Die Schulden sind es im Grunde auch. Und ging.

Roncalli ist mächtiger als das Mögliche? Vielleicht, doch mächtiger als das Wirkliche war er vorerst nicht.

„Im Grunde“, überlegt Paul, „haben wir ganz verschiedene Dinge gewollt. Heller wollte die Intellektuellen zum Staunen bringen. Ich wollte, dass der Intellektuelle und der einfache Mann an der gleichen Stelle lachen.“

Mit fünf Jahren war der Junge zum ersten Mal im Zirkus gewesen, die Eintrittskarte hat er heute noch. Am nächsten Morgen fand er den Platz in Wilhelmsburg, seiner Heimatstadt, leer, nur der Sägemehlkreis auf der Wiese sagte ihm, dass es kein Traum gewesen war. Und so hatte er also immer weitergeträumt, ein Vierteljahrhundert lang. Nun war er aufgewacht.

Haben Sie damals daran gedacht, wieder Art Director zu werden?

„Nein, ich habe daran gedacht, mich zu erschießen.“

Das muss er sein, der tödliche Ernst der Clowns. Ein schmaler, aristokratischer Herr mit kalkfarbenem Gesicht, Spitzhut und grünem Gewand betritt den Restaurantwagen. Es ist der Weißclown Gensi aus der Vorstellung, gewissermaßen ein Vertreter der Clownsaristokratie. Denn die Klassengesellschaft macht auch vor den Clowns nicht halt.

Zwar kommt das Wort Clown entweder vom lateinischen „colonus“ oder vom altnordischen „klunni“, bezeichnet aber in beiden Fällen den Bauerntölpel. Auch der Weißclown muss sich mit diesem Urahn abfinden, andererseits sind die Harlekins und Pierrots seine unmittelbaren Vorfahren, das Tölpelhafte ist längst durch Eleganz und Klugheit überformt. Ein Weißclown tritt nie allein auf, sondern immer zusammen mit einem „dummen August“. Keine Herren ohne Knechte!

Als Paul beschlossen hatte, sich vorläufig nicht zu erschießen, begann seine Laufbahn als Clown. Natürlich als „dummer August“: „Sehen Sie mich an! Ich bin es!“

In seiner Jugend wollten alle Elvis Presley oder James Dean werden, auch er, aber Bernhard Pauls Clowns-Blicke streichen diese Perspektiven leise durch. Ein holländischer Pfarrer, der erste Mensch in seiner Erinnerung, der wirklich freundlich zu ihm gewesen sei, habe ihm als Kind erklärt, dass unter hohem Druck aus Kohle Diamant werde. Er hat es nie vergessen.

Und jetzt stimmte alles. Ein Stück Kohle? Gewiss, das war er, ein ganz und gar ausgebranntes. Ein Clown muss wissen, was ein Verlierer ist. Und der Druck war enorm. Der Schuldendruck, der Arbeitsdruck. Er organisierte eine Zirkusausstellung, für deren optischen Auftritt vor der Welt der frühere Art Director sich unbedingt verantwortlich fühlte. Und er würde zum ersten Mal als Clown auftreten. Den Clown seiner Kindheit hatte der Pleitier Paul längst wiedergefunden. Es war Fredi Codrelli, jetzt würde man es gemeinsam versuchen, in einem Kaufhaus. So kam es, dass der Veranstalter der Zirkusausstellung seinen Organisator und Werbeverantwortlichen suchte und einen halb bekleideten Clown in der Damenmiederabteilung des Kaufhauses fand, wo er sich umzog. Der Hinzutretende sagte: „Oh mein Gott!“ Der Clown aus Bernhard Pauls Jugend sagte: „Du wirst sehen, alle Zirkusleute Wiens werden da sein.“

Bernhard Paul vergaß, Lampenfieber zu haben. Er spielte mit Fredi Codrelli die Nummer „Musikmachen ist hier verboten“. Mit den schwarzen Strichen um Augen und Mund blieb er immer halb Rocker, halb Clown. Die Löwenmähne ist echt, bis heute. Nachher sagten alle: „Guat woats, Fredi, a da Bauli.“ Bernhard Paul war glücklich. Fredi Codrelli aber blickte finster. „Erst wenn sie mit steinernen Mienen kommen und von was anderem reden, sind wir wirklich gut.“

Sie spielten nicht nur in Kaufhäusern, auch auf Firmenfesten und Kindergeburtstagen. Den Satz „Ich mach euch doch nicht den Clown!“, haben Menschen geprägt, die vom Zirkus nichts wissen.

Der Mann, dessen Rat und Geld am zweiten Beginn des Roncalli-Erfolgs stand, war auch ein Clown. Es war Emil Steinberger, der Schweizer Kabarettist. Roncallis „Die Reise zum Regenbogen“ begann 1980, hatte über acht Millionen Zuschauer und hört nie mehr auf. Es sei denn, sagt Paul, die EU macht mit ihrem Glühlampenverbot doch noch Ernst. Die einzige wirkliche Feindin eines kleinen Wanderzirkus ist die große Bürokratie.

Die Gäste im Garten vorm Restaurantwagen trinken ihre Proseccos aus und gehen zum Zelt. Gleich beginnt die nächste Vorstellung. Es wird ganz still. Bernhard Paul bleibt allein mit dem Bonner Mai, aber er ist schon in einem ganz anderen, im Mai vor 25 Jahren, als Roncalli nach Moskau fahren wollte.

Wie oft hatten sie den Sonderzug bei der Bundesbahn bestellt und wieder abbestellt. Sie waren Spanier, Engländer, Chinesen, Portugiesen – kurz ein babylonisches Völkergemisch, das durch den Eisernen Vorhang wollte. Immerhin auf Einladung der Sowjetunion, aber dennoch. Elf Zusagen, elf Absagen. Und dann doch das definitive Ja. Und dann Tschernobyl.

Da fahren wir nicht hin, sagten die Artisten zum Direktor. Der wurde zum Strahlenexperten und wies nach, dass es nur eine Chance gebe, der anschwimmenden radioaktiven Wolke wirklich zu entkommen. Nach Moskau! 40 Wagen ostwärts.

Die Rote Armee baute im Moskauer Dauerregen das Roncalli-Zelt auf. Das erste Mal in seinem Leben begriff Paul, wozu eine Armee gut ist. Am Vorabend sahen sie im sowjetischen Staatszirkus siebenfache Saltos aus der Kuppel. Ihre Hauptattraktion dagegen war ein trauriger Clown, der Seifenblasen macht.Und die Russen hatten Oleg Popow, den vielleicht berühmtesten Clown der Welt. „Und dann stolperte ich mit einer Leiter in die Manege.“ Es war ein Wettsingen, bei jedem Ton sprang Zippo eine Stufe höher auf der Leiter, um schließlich das Ende zu erreichen: „Lesniza karotkaya! Die Leiter ist zu kurz!“, hätte er jetzt rufen müssen. Aber auf den Innenflächen seiner Hände standen viele russische Sätze. Welcher war der richtige? Eine Zehntel-Sekunde zu früh oder zu spät, und jede Pointe ist hin. Lesniza was? Das Publikum schwieg mit reserviertem Interesse. Nur ein Mann lachte. Das war Oleg Popow.

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