AUSSTELLUNG UND SYMPOSIONJean Genet zum 100. Geburtstag : Der Körperfresser

Paulus Kolonko

Niemand soll sagen: Er ist uns entrückt. Der schwule Skandalautor Jean Genet, dessen erstem Roman „Notre-Dame des Fleurs“ vor dem Hamburger Landgericht Anfang der sechziger Jahre noch der Kunstcharakter abgesprochen werden sollte, gehört – 24 Jahre nach seinem Tod – zu einem nicht gerade vitalen Kanon. Der Dramatiker schrieb zwar Theatergeschichte mit den „Zofen“ und dem „Balkon“, der 1959 am Berliner Schlosspark Theater zum ersten Mal auf eine deutsche Bühne kam. Doch seine Stücke werden kaum noch gespielt.

Aber wer sich darüber beschweren wollte, dass Genet, der am 19. Dezember seinen 100. Geburtstag feiern würde, in den Theoriegebirgen von Literaturwissenschaftlern am lebendigsten wirkt, vergisst eines: Er war uns früher vielleicht gegenwärtiger. Aber mit seinen sadomasochistischen Zügen und der Verliebtheit in die Gewalt und die Poesie des Bösen, war er uns nie nah. Denn Jean Genet ist immer noch ein ebenso abstoßender wie anziehender Autor, unerträglich und faszinierend zugleich. Wer begreifen will, was existenzielle Radikalität in der Literatur ist, die er obendrein noch durch sein kriminelles Leben beglaubigte, kommt ohne ihn nicht aus. Das Schwule Museum hat sich zum 25. Jahrestag seiner Gründung eine Ausstellung geschenkt, die die Figur Genet in allen Facetten präsentiert: von der Heiligsprechung Jean-Paul Sartres in „Saint Genet“ über die vielfach in Berlin uraufgeführten Verfilmungen bis zu seiner absurden Parteinahme für die Palästinenser und die RAF. Paulus Kolonko

Schwules Museum, bis 7.3.2011, Mi-Fr/So/Mo 14-18, Sa 14-19 Uhr, 5/3 €. Symposion: Freie Universität, Fr-So 10.-12.12., Eintritt frei, Info: www.fu-berlin.de/genet100

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