AUSSTELLUNG„Blender – Vom schönen Schein“ : Geprahlt wird immer

Maris Hubschmid

„Hier geht es nicht um Wahrheit, trag etwas dicker auf, denn sonst sind alle wichtiger als du“ belehrt Sven Regener, Kopf der Band Element of Crime, im Lied „Sommerschlussverkauf der Eitelkeiten“. Manch eine Mutter mag daran verzweifeln, dass ihr Zwölfjähriger ausschließlich mit Markenturnschuhen in die Schule gehen will. Geprahlt wird aber in allen Altersschichten, unabhängig von Geschlecht und Herkunft: Zur Fußballweltmeisterschaft laden Nachbarn zum kollektiven Spielgucken auf ihrem neuen 60-Zoll Flachbildfernseher ein, natürlich ohne zu erwähnen, dass der noch lange nicht abbezahlt ist und zu Ungunsten eines Familienurlaubs angeschafft wurde. Von der Eins der Tochter in Kunst wird jedem erzählt, die Fünf in Englisch wird verschwiegen. Und auf 18. wie 50. Geburtstagen gleichermaßen holen Gäste ihre Smartphones heraus, um über allumfassende Flatrates zu referieren.

Blenden ist ein Grundbedürfnis, glauben Studierende der Fachhochschule Potsdam, die lange recherchiert haben, wie sich der permanente Wettbewerb der Eitelkeiten in der heutigen Gesellschaft offenbart. Im Museum der Dinge, das sich seit jeher mit industriell gefertigten Gütern und Sachkultur beschäftigt, präsentieren sie nun die Ergebnisse ihrer Untersuchungen. „Blender – Vom schönen Schein“ zeigt unterschiedliche „Blendqualitäten“ auf, enttarnt auch jene, die sich markenresistent nennen. Der Blick der studentischen Forschungsgruppe ist gnadenlos – aber auch liebevoll. Wenn plötzlich das iPhone des Künstlers losgeht, weiß der Besucher, warum. Maris Hubschmid

Werkbundarchiv – Museum der Dinge, bis Mo 11.7., Fr-Mo 12-19 Uhr, Do 2.6. 12-19 Uhr, 4/2 €

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