AUSSTELLUNGGerry Johansson „Deutschland“ : Zwischen den Gardinen

Autsch! So sieht also Deutschland aus: Industriearchitektur. Einfamilienhäuser. Triste Straßen. Büsche und Hecken, manchmal etwas alter Prunk wie in Potsdam. Aufgezeichnet hat das Ganze der schwedische Fotograf Gerry Johansson. Er fuhr durch das Land, besuchte Gelsenkirchen, Beckum oder Neustrelitz und machte pro Ort eine kleinformatige Aufnahme in Schwarz-Weiß. Die Ausschnitte wirken, als hätte er nur flüchtig durch den Sucher geblickt, immer ist irgendwas abgeschnitten, ein Schornstein, der Balkon eines Hauses. Es sind Motive, die Mutti aus dem Fotoalbum aussortieren würde, weil sie so belanglos scheinen.

Dabei sind Johanssons Aufnahmen sorgfältig konstruiert. Dass auf keinem Bild ein Mensch zu sehen ist, sorgt für Neutralität. Der Mensch wird ohnehin sichtbar, und zwar durch das, was er gebaut und gepflanzt hat. Auch findet der aufmerksame Betrachter in vielen Motiven Linien oder geometrische Strukturen; sie sorgen für Tiefe. Amerikanische Fotografen wie Walker Evans haben das vorgemacht. In dem aktuell erschienenen Fotoband, in dem Johansson seine Deutschland-Serie zusammengefasst hat, sind die Bilder in alphabetischer Reihenfolge nach Ortsnamen geordnet und so klein, dass man angestrengt hinsehen muss. Das ist Johanssons Trick, um den Betrachter zur Mitarbeit zu bringen. Johansson hat übrigens auch Amerika, die Mongolei oder seine Heimat Schweden porträtiert; nicht einmal Letzteres sieht bei ihm nach Bullerbü aus. So unterschiedlich die Orte sein mögen, bei Johansson gleichen sie sich an der Oberfläche, in den tieferen Schichten tritt ihre spezifische Kultur hervor. Birgit Rieger

Swedish Photography, Sa 16.2. bis Sa 30.3., Mi-Sa 12-18 Uhr, Eintritt frei

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