AUSSTELLUNG„Herlinde Koelbl – Fotografien 1976-2009“ : Die im Licht

Kai Müller
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Sie kam erst spät zur Fotografie, mit über vierzig. Da hatte Herlinde Koelbl, selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen, bereits vier Kinder großgezogen. Die wurden ihre ersten Motive. Talent war sofort erkennbar. Aber das reichte nicht. Ihr Blick für starke Charaktere, ihr Interesse an eigenwilligen, ungeraden Typen wie der Künstlerin Louise Bourgeois (Foto) ließ die heute 70-Jährige zu einer der wichtigsten Porträtfotografinnen der Gegenwart werden. Unbestritten ist dieser Ruf, seit sie Mitte der neunziger Jahre begann, führende Politiker der Berliner Republik zu fotografieren – woraus ihre Langzeitstudie über die „Spuren der Macht“ entstand, die in den Gesichtern und Körpern von Gerhard Schröder, Joschka Fischer oder Angela Merkel davon erzählen, wie das Amt einen Menschen allein physisch verändert.

In der großen Retrospektive, die der Martin-Gropius-Bau der Fotografin jetzt widmet, nimmt die Politiker-Studie nur wenig Raum ein. Trotzdem ist Macht das dominierende Thema der zierlichen rothaarigen Frau aus München. Da gibt es die machtscheuen Intellektuellenköpfe ihrer „jüdischen Porträts“ und eine Reportage über das Gebaren der High Society, wie sie sich auf Festen und Opernbällen aneinanderschmiegt und umgarnt. Zwar hat sich Koelbl selten ins Getümmel gestürzt – erst später wieder für ihren Film „Die Meute“ über das Berliner Pressekorps –, aber ihre Streifzüge durch Wohn- und Schlafzimmer und zu Menschen, die entweder „die im Licht“ oder „die im Schatten“ sind, sagen mehr über Herrschaftsmechanismen aus als eine Sozialstudie. Kai Müller



Martin-Gropius-Bau, Fr 17.7. bis So 1.11., tägl. 10-20 Uhr, 8 €, erm. 6 €

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