AUSSTELLUNGMuseum Fluxus+ : Kunst als Stachel

Heidi Jäger

Für Wolf Vostell, Pionier der Fluxus-Bewegung, ist die Kunst ein Stachel, der in das abgestumpfte Bewusstsein eindringen soll. Vostell schaute hin, wo andere sich wegdrehten, ob bei Umweltthemen oder blutigen Kriegen. In seiner Malerei erhalten Kanonenrohre Gesichter und Menschen tragen qualmende Schlote auf dem Kopf. Heinrich Liman, enger Freund des 1998 verstorbenen Künstlers, hat Vostells Arbeiten gesammelt und füllt damit nun in Potsdam das neu eröffnete Museum Fluxus+.

Der idyllische Blick aus dem Fenster übers Wasser wird aufgestört durch Vostells Bilder zur Judenverfolgung – fünf Vorstudien zu seinem dreimal sechs Meter großen Wandbild „Shoa“. Aber auch „Transmigration“, die Collage-Decollage von 1958, in der Vostell als erster Künstler einen Fernseher verarbeitete, findet sich in der Schau. Seine „Salatkiste“ erinnert wiederum an eines seiner vielen Happenings: 365 Tage lang ließ der Künstler aus dem Ruhrpott eine Kiste zwischen Köln und Aachen reisen und beobachtete, wie sich die Blätter des Salates darin veränderten.

Das Plus hinter dem Wort Fluxus löst das Privatmuseum mit vier noch lebenden Künstlern ein: Neben Hella de Santarossa, Sebastian Heiners und Lutz Friedel gehört der Italiener Costantino Ciervo dazu. Seine Installation „Profit“ (Foto) füllt eine ganze Koje aus. Auf Schreibtischen stehen Schreibmaschinen mit Plastikkugeln drauf, in deren Inneren sich geschredderte Atlanten befinden. Die Tasten werden nicht von menschlicher Hand bedient, sondern aus der Ferne von Mikroprozessoren gesteuert – Sinnbild einer dem Menschen entfremdeten globalisierten Wirtschaftswelt. Heidi Jäger

Museum Fluxus+, tgl. 12-20 Uhr, 7,50/6/3 €

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