AUSSTELLUNGRudolf Stingel „Live“ : Teppich der Tatsachen

Gerade sind die deckenhohen Vorhänge von Thomas Demand in der Neuen Nationalgalerie abgenommen, da wird die gläserne Halle des Mies-van-derRohe-Baus auch mit der nächsten Ausstellung in eine Art überdimensioniertes bürgerliches Wohnzimmer verwandelt. Rudolf Stingel hat für den Granitboden einen Teppich anfertigen lassen, der einem Perser des 19. Jahrhunderts nachempfunden ist. Die Farben wurden von dem in Meran und New York lebenden Künstler in Grisaille übersetzt, die Motive digital vergrößert und multipliziert, so dass die gesamte Fläche ein „All-over“ überzieht. Der Widerspruch zwischen der Coolness der Moderne und der vermeintlichen Gemütlichkeit eines Teppichs könnte größer nicht sein. Und doch lässt sich der Künstler auf die Wucht der Architektur ein, indem er das Teppichmuster ins Unendliche fortentwickelt und damit das Ausgreifende des Gebäudes in den städtischen Raum fortsetzt.

Von Haus aus ist Stingel eigentlich Maler, und so zeigt die Neue Nationalgalerie im Untergeschoss vier monumentale Gemälde von ihm, die auf Schwarz-Weiß-Fotos beruhen: Eines stammt von Ernst Ludwig Kirchner und zeigt die Stafelalp, die drei anderen machte der Vater des Künstlers bei Bergtouren in Davos. Virtuos übernimmt der Künstler Kratzer und Staubspuren der Vorlagen und schreibt sich damit in die Geschichte des Hauses und seiner Sammlung ein. Zu deren wichtigsten Beständen gehören die Brücke-Maler. „Live“ hat Rudolf Stingel seine Ausstellung genannt. Mit seinen Anverwandlungen eines historischen Teppichs, alten Fotografien postuliert der Künstler die Lebendigkeit seines eigenen Schaffens. Nicola Kuhn

Neue Nationalgalerie, bis Mo 24. 5., Di/Mi/So 10- 18, Do 10-22, Fr/Sa 10-20 Uhr, bis Fr 12.3. Eintritt frei

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