Zeitung Heute : Ausstrahlung zahlt sich aus

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Die gut bezahlten Jobs als Hostess auf der Messe kriegten immer nur die Sahnetörtchen. Wir NormaloStudentinnen waren entweder zu groß und zu dünn („nix dran an dem Knochenturm“) oder zu klein und zu moppelig („die passt ja nicht mal in unsere Uniform“), um an den teuer aufgemotzten Ständen potenziellen Kunden den Kaffee zu bringen. Wer Akne hatte, ne billige Dauerwelle oder im Prüfungsstress zum Nägelkauen neigte, brauchte sich beim Messeservice ebenfalls erst gar nicht vorzustellen.

Der Sozialdarwinismus bei der Vergabe der begehrten Hostessen-Jobs – 15 Mark die Stunde für Herumstehen und Lächeln – bereitete uns besser auf die harte Realität vor als viele Vorlesungen. Früh lernten wir, was auch Dutzende von Studien zum Thema Schönheit belegen: Schöne Menschen sind erfolgreicher. Es ist zum Schreien, aber wahr, hübsche Bewerber gelten als intelligenter und kompetenter. Diverse Analysen belegen überdies auch noch, dass die Hübschen nicht nur hübscher sind als wir, sondern obendrein auch noch besser verdienen.

Allmählich glauben wir auch noch selber, dass schöne Leute die leistungsfähigeren sind. Laut einer Langzeitstudie der Universität für Wirtschaft und Politik in Hamburg, wie groß Führungskräfte den Einfluss der äußeren Erscheinung auf die Karriere einschätzen, stuften 1986 noch rund fünf Prozent Optik als wichtig ein. 1991 waren es bereits 14 Prozent, 1998 waren es 22 Prozent – und 2003 messen die Befragten dem Faktor Schönheit erstmals größere Bedeutung bei als persönlichen Kontakten oder Netzwerken.

In der Folge neigen Karriere bewusste Deutsche neuerdings zu Diät, Schönheitsoperation und Fitnessstudio. Amerikaner hingegen klagen. Eine Frau in Reno verlor ihren Job im Kundendienst, weil sie sich weigerte, Make-up zu tragen, die Bedienungen in einem Spielkasino in Atlantic City fliegen, sobald sie sieben Prozent mehr Gewicht auf die Waage bringen als zum Zeitpunkt ihrer Einstellung. Sie alle gingen wegen sexueller Diskriminierung vor Gericht mit dem Argument, dass Männer sich weder schminken noch dünn bleiben müssen.

Im Grunde genommen ist das jedoch alles Quark. Das Hauptproblem ist nicht die Optik, sondern die Tatsache, dass es keine Studien über das Leistungspotenzial von fröhlichen, in sich selbst ruhenden Menschen gibt, deren positive Ausstrahlung uns so gefangen nimmt, dass wir gar nicht wahrnehmen, wie sie aussehen. Attraktivität ist einfach leichter zu messen als überzeugende Persönlichkeit. Das ist das ganze Geheimnis hinter all den doofen Studien. Auf den Messen wenigstens hat sich das herumgesprochen und der Run auf die hübschen Hostessen ist nicht mehr: Die meisten Aussteller haben kapiert, wer wirklich Kunden überzeugt: sicherlich keine, die bloß schön aussieht.

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