Zeitung Heute : Austeria

Edelfisch statt Wiener Schnitzel

Elisabeth Binder

Austeria, Kurfürstendamm 184, Wilmersdorf, Tel. 881 84 61, geöffnet täglich von 11 Uhr an. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Neue Lampen, frischer Anstrich, goldener Tresen mit Vitrinen drauf, begehbarer Weinkühlschrank: Aus dem alten Bovril ist vor einigen Monaten ein Austern-Lokal geworden. Das alteingesessene Schickeria-Restaurant in der Nähe vom Olivaer Platz buhlt trotz des neuen Namens und Besitzers um die alte Klientel. Dafür spricht auch eine schöne Geste auf der Speisekarte. Die führt nämlich ein nostalgisches Wiener Schnitzel „à la Bovril“ auf. Ansonsten dreht sich in der Austeria vieles um die Austern, aber es gibt auch genügend Fleisch- und Fischgerichte, wie Hummer Thermidor oder schlichtes Entrecôte, für diejenigen, die mindestens in den Monaten ohne „r“, also von Mai bis August, in dieser Hinsicht lieber abstinent bleiben wollen. Was bei den heutigen Kühlmöglichkeiten allerdings unsinnig sei, klärt der selbstbewusste Kellner die Gäste auf.

Wir starteten mit einer gemischten Austernplatte „Austeria“, denn es gibt sie hier natürlich nicht nur frisch mit Zitrone und weißem Pfeffer, sondern auch in verschiedenen Varianten überbacken. Wer erwachsen genug ist, Austern wirklich zu lieben, wird sie immer am liebsten frisch schlürfen wollen. Vorsichtigen Anfängern sei eine Annäherung mit den anderen Zubereitungen empfohlen, eher noch mit der Sauce Mornay als mit der Safran-Pernod-Butter, denn letztere ist doch sehr mächtig und erschlägt die arme Auster auf der Zunge (11,50 Euro für insgesamt sechs Stück).

Unsere Frage, ob der Chardonnay Twin Oaks von Mondavi aus dem Jahr 2002 für einen Weißwein dieser Größenordnung nicht schon ein bisschen betagt sei, verneinte der sehr selbstbewusste Kellner erst heftig. Dann aber brachte er immerhin doch eine Flasche von 2004 an, und zwar zum gleichen Preis (24 Euro).

Sehr gut als Austern-Alternative war Pot au Feu von Edelfischen mit scharfer Sauce Rouille, eine kräftige Brühe mit vielen frischen Fischstücken, kleinen Muscheln und frischem Gemüse (6,50 Euro). Das Filet vom Loup de Mer war saftig und frisch, dazu gab es Kartoffelpüree, karamelisierte Kaiserschoten, gut harmonierendes Apfel-Zwiebel-Kompott und Apfel-Cidre-Beurre-Blanc (17,50 Euro).

Sehr empfehlenswert ist der exotisch scharfe Gurkensalat mit Chili, Ingwer und Koriander, das ist mal eine originelle Variante, diesen Klassiker zu servieren. Den bekamen wir auf Wunsch statt Kartoffeln zum anderen Hauptgang. Ob er die ganze Dorade filetieren solle? Auf meinen Einwand, das wolle ich lieber selber tun, blieb der Kellner stehen, erwartungsfroh auf des Schauspiels harrend. Das geht leider gar nicht, und es ist auch völlig unmöglich, essende Gäste anzustarren. Dann ertrage ich schon lieber die non-chalante Flapsigkeit, die in anderen Schickeria-Lokalen gang und gäbe ist und in der Regel dazu führt, dass der Gast, nachdem er einmal versorgt ist, weitgehend ignoriert wird. Die Dorade war goldbraun, gefüllt mit frischen Kräutern der Provence, in der Konsistenz wirklich tadellos. Dass der Teller für die Fischabfälle mit einem Tortendeckchen garniert war, kam mir allerdings albern vor (18 Euro).

Zum Nachtisch werden verschiedene Tartes angeboten. Die eine muss man sich vorstellen als einen etwas mageren, aber durchaus gut schmeckenden Käsekuchen. Die andere als einen außen etwas trockenen und krümeligen Schokoladenkuchen (jeweils vier Euro). Beide sicher kein Muss.

Am Schluss bewies der fast komödiantisch kesse Kellner noch, dass er bestimmt nie beim Italiener gelernt hat. Wir hatten uns nämlich nach den Obstbränden aus Dresden erkundigt, da gibt es einen Boskopapfel, eine Pflaume und eine Wildkirsche. Nachdem wir die Rechnung beglichen hatten, bestellten wir noch eine Pflaume nach, gewissermaßen zum Probieren. Es gab für jeden einen winzigen Schluck und noch mal eine Extrarechnung (4,50 Euro für 2 cl). Das war sicher korrekt, wirkte für ein neues Restaurant aber fast ein bisschen ungastlich. Denn so gut den Räumen die Renovierung getan hat, so frisch der Fisch auch war, so lustig die Windlichter flackerten: In diesem Stadium geht es doch vor allem darum, das Wohlgefühl des Gastes mit kleinen Gesten diskret in den Bereich des Erinnerungswürdigen zu steigern. Zum Beispiel mit dem unoriginellen, aber immer wieder wirkungsvollen Trick der Italiener, am Ende noch einen landestypischen Schnaps aufs Haus zu spendieren.

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