Zeitung Heute : Austernbar

Grüne Semmelknödel zum roten Hirschrücken

Elisabeth Binder

Diekmanns Austernbar, Hauptbahnhof, Europaplatz 1, Tiergarten, Tel. 209 119 29, geöffnet täglich ab acht Uhr. Foto: K.-U. Heinrich

Bahnhofsrestaurant. Da denkt man an Heimatlose, die zusammengesunken auf schwärzlichen Holzbänken liegen. An Hungertürme mit Soleiern, diesen speziellen Geruch von Würstchen, Senf und alternder Bierpfütze, der gegen kalten Zigarettenqualm anstinkt. Tristesse pur.

Würde irgendjemand freiwillig in ein Bahnhofsrestaurant gehen, wenn er nicht mal verreisen will? Nein.

Welcome to Berlin Main Train Station. Diekmanns Austernbar versteckt im ersten Stock des neuen Hauptbahnhofs, an der dem Kanzleramt zugewandten Seite. Ein helles Restaurant mit zwei Glasfronten: Eine blickt in die schönen neuen bunten Bahnhofswelten, die andere über eine große Terrasse weit hinaus, über den grünen Strand der Spree hinweg, bis ins Regierungsviertel hinein. In der Mitte befindet sich eine offene Küche, in der uniformierte Köche mit modernsten Utensilien werkeln. Funktionale Eleganz statt spießigen Miefs. Willkommen im neuen Deutschland.

Die Tische sind zum Teil mit weißem Stoff gedeckt und mit Kerzen geschmückt. Der Champagner wird glasweise ausgeschenkt (9,50 Euro), als interessante Alternative bietet sich neben Prosecco (4 Euro) auch der gute Crémant an (5,50 Euro). Die Oliven dazu sind in fruchtigem Orangenöl eingelegt, Baguette und Körnerbrot sind knusprig frisch.

Ganz im Sinne der Beweglichkeit werden die Austern als „Rundreise“ angeboten – ein guter Gedanke, denn es bedeutet, dass man von jeder vorrätigen Sorte ein- oder zweimal kostet: Fine Claire, Papillon, Belon, Sylter Royal und die irische Felsenauster stellen sich dem Vergleich auf dem Gestell, das über Schwarzbrotwürfeln thront. Frisch sind sie alle, Sylt gewinnt an diesem Abend den Wettbewerb. Um Austern zu mögen, muss man sehr erwachsen sein, den Geschmack daran bringt man nicht mit, den muss man erst lernen. Dass es hier eine solche Bar gibt, mag auch als Verbeugung vor dem Ruhm der Grand Central Station in Manhattan gelten. Die hatte mit der Oyster Bar schon früh eine kultige Institution.

Die Kürbissuppe mit gebratenen Garnelen ist als Vorspeise auch zu empfehlen, da hätte ich mich drin baden können, so gut war der Geschmack, so schön überlegt die Einlage aus dicken Garnelen, fein gewürfeltem Fruchtfleisch und Kürbiskernen (8 Euro). Vorbildlich, dass die Hauptgerichte in großen und kleinen Portionen angeboten werden. Das ist ja auch im Sinne der Betreiber die beste Maßnahme fürs Dessert-Marketing und sollte dringend Schule machen.

Aber erstmal verharren wir bei den drei rotsaftigen Scheiben vom Brandenburger Hirschrücken, die auf fein geschnittenem Schwarzwurzelgemüse angerichtet sind. Gekrönt wird das Ganze von einem kräutergrünen Semmelknödel, der mich von der Konsistenz angenehm an die festlichen Markklößchen meiner Kindheit erinnerte (16 Euro). Ebenfalls sehr saftig, aber etwas fettiger war der irische Lammrücken, der mit Bohnencassoulet und Süßkartoffeln in einer interessant geformten weißen Schale serviert wird (16 Euro). Die großen Portionen hätten 20 Euro gekostet und uns zum Lohn erschlagen. So kamen wir noch in den vollen Genuss eines luftleicht an die Zunge sich schmiegenden gratinierten Ziegenkäses mit Thymian und Honig (7 Euro). Auch das Dessert aus Felchlin-Schokolade verbreitete einen Glanz, von dem die Bahnhöfe der frühen Jahre nie zu träumen gewagt hätten: sowohl das Stückchen Tarte als auch die Eis- und Parfait-Kugeln, die sich apart abhoben von der dunkelroten Cassis-Feige (8 Euro).

Die Digestif-Karte orientiert sich preislich eher an Erste-Klasse-Reisenden, immerhin besitzt ausgerechnet der preiswerteste Grappa einen sanften Barrique-Anklang. Leider wird er aber auch ziemlich sparsam ausgeschenkt.

Es war an jenem Abend nicht so leer, wie ich befürchtet hatte angesichts der abschreckenden Klischees von Bahnhofsrestaurants. Sobald sich erstmal rumgesprochen hat, dass dies ein gutes Ziel ist, wenn man Besucher ausführen möchte, wird sich das sicher ändern.

Die immer noch neuen Spreewege dort warten ja schon auf ausgeruhte Osterspaziergänger.

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