Zeitung Heute : Austicken und Tee trinken

SOPHIENSÄLE Anne Tismer und Silvia Albarella untersuchen in „Non-Tutta“ die histrionische Persönlichkeit und den Hang zur theatralischen Inszenierung.

PATRICK WILDERMANN

Der Begriff „Hysterie“ stammt vom griechischen Wort für Gebärmutter ab. Entsprechend galt diese ernste Störung – wir reden hier nicht von der Alltagsschrumpfform à la „Schatz, du benimmst dich hysterisch“ – lange als exklusiv weibliches Leiden. Der große Freud, erklärt Silvia Albarella, drang da im 19. Jahrhundert, zu Hochzeiten der Hysterie, schon tiefer. Und wusste, dass sowohl Frauen als auch Männer betroffen sein können. Den Leidenden von damals verschlug es zum Beispiel die Sprache. Oder sie redeten plötzlich in fremden Zungen. Phänomene, auf welche sich die Medizin keinen Reim zu machen wusste. Heute, erklärt Anne Tismer, werde statt hysterisch eher der Begriff „histrionisch“ verwendet. Der wiederum ist vom englischen „histrionic“ abgeleitet, was so viel wie schauspielerisch, theatralisch, affektiert meint. Womit sich dann auch schon die Frage erübrigt, ob diese Krankheit als Bühnenmaterial taugt.

„Non-Tutta“ haben die beiden Künstlerinnen ihr Projekt über die histrionische Persönlichkeit genannt, das sie zusammen mit dem belgischen Musiker Tom Tiest auf die Bühne bringen. Anne Tismer, die sich schon lange mit außergewöhnlichen Arbeiten im Grenzgebiet zwischen Performance und bildender Kunst bewegt, und Silvia Albarella, die aus Italien stammt und seit Jahren in der hiesigen freien Szene als Bühnen- und Kostümbildnerin arbeitet, umkreisen gemeinsam das komplexe Feld der seelischen Erkrankungen.

Beim Histrioniker muss man geschlechtermäßig erst mal wieder differenzieren. In partriarchalen Gesellschaften, erläutert Tismer, seien mehr Frauen histrionisch. Bei Männern äußere sich die Persönlichkeitsstörung eher im Narzissmus. So oder so: Der Leidende hat in der Kindheit einen Mangel an Liebe und Zuwendung erfahren, den er zu kompensieren versucht. „Aber das alles passiert unbewusst“, wie Albarella betont. Weinen kann ein Weg sein, um Aufmerksamkeit zu bekommen, oder Atemnot. Der Narziss dagegen treibt sich von einer Höchstleistung zur nächsten, findet jedoch keine Erfüllung dabei. „Es ist“, beschreibt Tismer, „als ob er Hunger hätte, aber zu Trinken bekommt.“

Den Anstoß zu „Non-Tutta“ gab das Buch einer italienischen Psychotherapeutin, die Frauenfiguren in den Filmen von Jane Campion untersucht hat. Gab es im Zuge der Recherche auch Begegnungen mit Histrionikern und Narzissten? „Jeden Tag“, sagt Anne Tismer. Und lacht. Gut, man hätte besser fragen sollen: gewollte Begegnungen.

Albarella und Tismer kennen sich von einer Zusammenarbeit an der Schaubühne. Aber das liegt so fern wie ein früheres Leben. Albarella zieht längst die Arbeit für freie Produktionen vor. Tismer verbringt mittlerweile die Hälfte des Jahres in Togo, wo sie mit einer Künstlergruppe lebt und arbeitet. Daneben macht sie Kunst in Deutschland, Frankreich und Belgien, sowohl solo als auch im Kollektiv. „Hitlerine“ oder „Woyzickine“ sind strahlkräftige Arbeiten aus ihrer jüngeren Vergangenheit. In deren Zentrum stand der Umgang mit selbst gefertigten Objekten, und das wird auch in „Non-Tutta“ nicht anders sein. Objekte zu gestalten, erläutert Tismer, bedeute auch: sich ein Bild von etwas zu machen, das vielleicht bedrohlich ist. Einem Flugzeugabsturz zum Beispiel. Da könne man ein Flugzeug aus Wolle stricken und dann die Fäden lösen.

Spannend bleibt, was sich aus Hysterie stricken lässt. Die Performance wächst noch, eine erste Beschreibung kündigt unter anderem an, es werde unermüdlich für 100 Leute Tee gekocht. Zielt das auf die Tatsache, dass der Histrioniker alles, was er tut, ins Extrem treiben muss? „Ich weiß nicht, ob das Teekochen schon histrionisch ist“, überlegt Tismer. Eigentlich habe das eher etwas mit Gastfreundschaft zu tun. Und selbst wenn unerwartet niemand zur Performance kommen sollte, „wird trotzdem Tee gekocht“, verspricht sie und lächelt. PATRICK WILDERMANN

Premiere 3.3., 20 Uhr

Weitere Vorstellungen 4., 8., 9., 10. und 11.3.

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