Zeitung Heute : Australien: Down under einmal ganz anders

Christian Röwekamp

Der Teufel, so heißt es, steckt im Detail. Insofern passt der Tasmanische Teufel ganz gut zu seiner Heimat: Tasmanien ist ein winziges Detail im großen Australien. Die Insel nimmt weniger als ein Prozent der Landmasse des Fünften Kontinents ein. Dennoch bleibt dem "Tasmanian Devil" mehr als genug Platz, um sich zu verstecken: Wer die Insel besucht, hat es jedenfalls nicht leicht, den kleinen Raubbeutler zu Gesicht zu bekommen. Der "Devil" macht sich sehr rar.

Eine Reise nach Tasmanien bedeutet, "down under" einmal ganz anders zu erleben. Die Insel ist grüner als viele Teile des Festlandes, und die britische Vergangenheit ist hier präsenter als in Victoria oder New South Wales, wo die vielen Einwanderer aus Südeuropa und Asien seit 1950 das Alltagsleben stark verändert haben. Manchmal hat man das Gefühl, durch das ländliche England zu fahren.

Wie waldreich das Umland von Hobart ist, zeigt ein Blick vom 1270 Meter hohen Mount Wellington, mit dem Auto etwa 30 Minuten westlich des Stadtzentrums gelegen. Ein kalter Wind pfeift hier oben, oft von Süden her aus Richtung der Antarktis. Nichts liegt zwischen Tasmanien und dem ewigen Eis außer der endlos erscheinenden Weite des Ozeans.

Auf Meereshöhe dagegen genießen die Tasmanier die warmen Strahlen der sinkenden Sonne, wenn sie abends vor den Restaurants in den historischen Lagerhäusern am Salamanca Market sitzen und Bier trinken. Die 1824 gegründete Brauerei "Cascade" in Hobart ist die älteste Australiens - und das Etikett ihrer Flaschen zeigt eine Tierart, nach der die Zoologen die Suche schon eingestellt haben: Das letzte Exemplar des Tasmanischen Tigers starb 1936 im Zoo von Hobart, in Freiheit wurde er zuletzt 1978 gesehen. Doch obwohl der Vierbeiner offiziell für ausgestorben erklärt wurde, gibt es Gerüchte, die Art könne im wilden tasmanischen Westen überlebt haben - somit hat auch diese Insel ihr "Monster von Loch Ness".

Die Tasmanischen Teufel sind anscheinend weniger gefährdet. Wer sich von ihrer Existenz überzeugen will, muss nur am frühen Morgen eine Stelle auf der Landstraße aufsuchen, an der am Vorabend noch die Kadaver überfahrener Tiere lagen - und solchen "Road Kill" gibt es in Tasmanien mehr als genug. Oft sind die toten Tiere verschwunden - mit Haut und Knochen vertilgt von den Allesfressern. Das Aasgeier-Leben wird den Teufeln oft selbst zum Verhängnis: Am ehesten kann man die Tiere auf den Landstraße antreffen - überfahren. Lebende Tasmanische Teufel zu finden, bleibt ein Problem, auch im Freycinet Nationalpark an der Ostküste. Der kleine Ort Coles Bay ist ein guter Ausgangspunkt für Wanderungen, etwa zur Wineglass Bay, die sich tatsächlich in der Form eines Glases hinter den "Hazards", roten Granitfelsen am Eingang des Nationalparks, öffnet. Zweieinhalb Stunden dauert die Tour abwärts zum feinsandigen Strand mit seiner starken Brandung. Untrainierte kommen zwischen den lichten Eukalypten schwer ins Schnaufen. Aber die Mühe lohnt sich: Einen schöneren Blick als vom Lookout zur Bucht hat die Ostküste Tasmaniens kaum zu bieten.

Wer in der Freycinet Lodge im Nationalpark die Nacht verbringt, hat Chancen, die nachtaktiven Tasmanischen Teufel zu sehen - bei einem "Spotlight Stroll", einer Nachwanderung mit Taschenlampen. Führerin Paula Simpson leuchtet in jeden Winkel unter den Holzhütten und in jedes Gebüsch - doch leider ist auch hier Fehlanzeige. Die Augen, die das Licht reflektieren, gehören jedesmal einem Opossum. Die possierliche Beutelratte ist hier fast schon eine Plage.

Zwei Tage später und 330 Kilometer weiter nordwestlich der nächste Versuch. Über dem 1545 Meter hohen Cradle Mountain löst die Sonne die letzten Dunstschleier auf. Am Vortag hatten tief hängende Wolken die Wanderung am Fuß des Berges zu einer tristen Angelegenheit gemacht. Nun aber zeigt sich der Park von seiner besten Seite.

Das Wetter schlägt sehr schnell um in Tasmanien: Auf dem "Overland Track", der am Cradle Mountain beginnt und den Wanderern auf der siebentägigen Tour gen Süden eine Menge abverlangt, kann es sogar im Hochsommer schneien. Jetzt aber herrscht beste Sicht. Und von einem Helikopter aus wirkt die Landschaft noch urtümlicher: Baumwipfel, so weit das Auge reicht. "Da unten in den Schluchten ist seit den dreißiger Jahren, als man vergeblich versuchte, eine Eisenbahnstrecke zu bauen, niemand mehr gewesen", erzählt der Pilot.

Es braucht tatsächlich viel Geduld, einen Tasmanischen Teufel in freier Wildbahn zu erleben. Doch wer dieses Glück hat, sollte großen Abstand zu dem Tier halten. "Die fressen alles, selbst Brillengläser. Und sie beißen sogar durch das Leder von Trekkingschuhen", erzählt Heather Hesterman, die im Trowunna Wildlife Park zwischen Cradle Mountain und Tasmaniens zweitgrößter Stadt Launceston die "Devils" beobachtet. Etwa 20 Teufel leben in dem Park, der damit eine der wenigen garantierten Gelegenheiten bietet, die Tiere zu sehen.

In Freiheit leben etwa 100 000 Teufel auf der Insel, schätzt Hesterman, vor allem im Norden und an der Ostküste. Die "Hyänen von Tasmanien" werden meist nur vier bis fünf Jahre alt. "Sie haben ein kurzes, gewalttätiges Leben", sagt Heather. Zum Schluss würden sie oft von eigenen Artgenossen aufgefressen.

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