Zeitung Heute : AUSWÄRTIGE KULTURPOLITIK: Aus blanker Not ein Neuanfang

BERNHARD SCHULZ

Die Sparauflagen des Bundesfinanzministers, die jetzt die Mittlerorganisationen der Außendarstellung erreichen, erzeugen eine Art kollektiver Untergangsstimmung. Goethe-Präsident Hoffmann malt das Schreckgespenst von 28 Instituten in 27 Ländern an die Wand, die sofort geschlossen werden müßten. Ähnlich wissen die anderen "Mittler" zu jammern: Hunderte von Wissenschaftlerstipendien fallen weg, Lektoren werden nicht mehr entsandt, selbst schlichtes Informationsmaterial wird knapp.Fürwahr, es steht nicht gut um die Auswärtige Kulturpolitik. Das schöne Etikett von der "dritten Säule der Außenpolitik" verblaßt in der Not des Spar-Alltags. Doch bloßes Lamentieren hilft nicht mehr weiter, und die Drohung selbst mit dramatischen Leistungsminderungen fördert nicht länger Mitleid, sondern provoziert die Frage nach der Rechtfertigung Auswärtiger Kulturpolitik. Die seit Jahren angemahnte Neuorientierung kommt offenbar erst unter Druck in Gang. "Neue schlankere Strukturen und mehr Effizienz" - wie aus dem Hause Fischer verlautete, als ob Kinkel noch amtierte - genügen alleine nicht. Sie sind Begleitmaßnahmen einer Grundsatzreform, aber bei weitem nicht ihr Inhalt.Die Diskussionen der letzten Jahre haben ein neues und allgemein befürwortetes Konzept noch nicht sichtbar werden lassen. Einen eigenwilligen Beitrag hatten Kohl und Kinkel mit ihrer Forderung nach einer stärkeren Verzahnung der Kulturarbeit mit den Wirtschaftsinteressen unseres Landes geliefert. Die Verfechter des "erweiterten Kulturbegriffs" hatten dem nicht viel mehr als die mittlerweile abgenutzten Schlagworte "Dialog", "Partnerbezug" und "Geben und Nehmen" entgegenzusetzen.Schön und gut. Doch die Kernfragen lauten: An wen richtet sich Kulturvermittlung im Ausland - an die ganze Welt oder schwerpunktmäßig an ausgewählte Länder und Regionen, an denen die deutsche Außenpolitik ein vorrangiges Interesse hat? Wie arbeitet sie: mit Dialog um des Dialogs willen oder in werbender Selbstdarstellung des eigenen Landes? Und die Kernfrage: Was ist der spezifische Inhalt der Vermittlung? Joschka Fischer will der Außenkulturpolitik einen Platz im Konzept der Friedenssicherung zuweisen, die eingebunden ist in die Durchsetzung von Demokratie und Menschenrechten. Eine solche wertorientierte Außendarstellung ist gewiß etwas anderes als die Kohlsche Verzahnung mit der Wirtschaft - etwas anderes aber auch als der allzuoft ins Beliebige abgleitende "Partnerbezug". Eine derartige Außendarstellung dialogisiert nicht nur, sie stellt auch Forderungen - solche, die durch den gesellschaftlichen Alltag in Deutschland beglaubigt sein müssen. Ein solches, zwar nicht unkritisches, doch positiv grundiertes Deutschlandbild gilt es dann auch zu vermitteln.Es ergibt sich ferner, daß die deutsche Kulturpräsenz fallweise zu überdenken ist. Es gibt Länder, denen wir uns in den Grundwerten von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten eng verbunden wissen. Es gibt andererseits Regionen, an deren entsprechender Entwicklung wir ein vitales Interesse haben. Und es gibt Länder, die - mag es auch bitter klingen - an der Peripherie deutscher Aufmerksamkeit liegen. Die Konsequenzen für die Auswärtige Kulturpolitik liegen auf der Hand: Sie muß ihr Arsenal durchforsten, ihr Angebotsprogramm schärfen und ihre vorrangigen Partnerländer benennen. Dann, und nur dann, hat sie Chancen, aus dem jetzigen Einspar-Drama nicht geschwächt, sondern womöglich sogar gestärkt hervorzugehen.

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