Zeitung Heute : „Ausweichen kostet Zeit, Geld und Sprit“

-

In Darmstadt hat eine europäische Konferenz über Weltraummüll begonnen. Welche Gefahren gehen von den Schrottteilen im All aus, Herr Jehn?

Der Weltraummüll stellt eine Gefahr für die aktiven Satelliten dar. Wir von der Esa kontrollieren zum Beispiel von Darmstadt aus den Umweltsatelliten Envisat: Der musste im vergangenen Jahr zwei Ausweichmanöver fliegen, weil er einigen Schrottteilen zu nah kam. Das kostet Zeit und Geld und Sprit. Denn es bedeutet einen Arbeitsausfall von ein, zwei Tagen. Für kommerzielle Satelliten gehen dadurch richtig Einnahmen verloren. Im Extremfall, wenn Ausweichen nicht mehr geht, könnten die mehrere hundert Millionen Euro teuren Satelliten auch zerstört werden.

Könnte es auch die internationale Raumstation ISS treffen?

Wir unterscheiden verschiedene Umlaufbahnen in unterschiedlichen Höhen, die unterschiedlich gefährlich sind. Die Raumstation ISS ist auf einer vergleichsweies niedrigen Bahn von 400 Kilometern unterwegs, da verglüht, weil die Atmosphäre schon so dicht ist, der Schrott binnen weniger Tage. Die größte Mülldichte herrscht in der Höhe unseres Envisat-Satelliten von 800 Kilometern. Doch auch Wetter- und TV-Satelliten wie Meteosat und Astra in einer Umlauf bahn in Höhe von 36000 Kilometern sind – wie sich jetzt auf der Konferenz gerade zeigt – gefährdeter, als wir bisher vermutet haben.

Über wie viel Schrott reden wir?

Wir kennen 10000 Teile, die größer als zehn Zentimeter sind. Dazu kommen mehrere 100000 Teilchen, die einen Zentimeter groß sind. Diese kleinen Teilchen sind so gefährlich, weil sie auf Grund ihrer enormen Geschwindigkeit von bis zu 50000 Stundenkilometern dieselbe kinetische Energie wie ein Motorrad auf der Autobahn haben.

Wo kommt der ganze Müll her?

Der stammt überwiegend aus den etwa 180 Explosionen von Raketen und Satelliten in den vergangenen 40 Jahren. Dabei entstand die Hälfte aller uns bekannten Objekte: Eine Rakete bringt einen Satelliten in den Weltraum, setzt den dort aus, die Mission ist erledigt. Aber die Oberstufen haben noch Treibstoff an Bord, und dieser Resttreibstoff explodiert früher oder später.

Was lässt sich zur Verminderung des Weltraummülls tun?

Erstens: Wir müssen daran arbeiten, dass es in Zukunft keine Explosionen mehr gibt. Bei der Ariane 5 zum Beispiel wird der Treibstoff einfach abgelassen. Die Oberstufe als Ganzes ist dann weniger gefährlich als die völlig unkontrollierbare Vielzahl kleiner und kleinster Schrotteile. Zweitens: Müllvermeidung in jeder Form. So wollen wir Satelliten und Raketenoberstufen künftig am Ende ihrer Lebensdauer zurückbringen. Entweder in eine niederigere Umlaufbahn, wo sie schnell verglühen, oder auf die Erde, wo sie gezielt im Pazifik versenkt werden wie die russische Raumstation Mir zum Beispiel.

Rüdiger Jehn ist Experte für Weltraummüll der europäischen Weltraumbehörde Esa.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben