Zeitung Heute : Ausweitung der Kampfzone

Katja Füchsel

Amtsgericht Moabit, 13 Uhr 30.

Angeklagter: Herr Baumert, 49, Ethnologe, Zehlendorfer, Hausbesitzer und Schloss-Anbringer.

Zeugin: Frau Kitz, 66, Ex-Volkshochschullehrerin, Mieterin und Zettel-Ankleberin.

Die Anklageschrift: Herr Baumert wird beschuldigt, Frau Kitz zwischen Oktober 2000 und Januar 2001 als Schlampe und Sau bezeichnet zu haben. Als Drecksau, Miststück, Schwein. Außerdem soll er ihr gedroht haben. "Das nächste Mal schmeiße ich Sie die Treppe runter. Dann sind Sie tot!", soll er angekündigt haben. Der Angeklagte Baumert hört dem Richter zu, die Arme sind vor der Brust verschränkt. Lässig wirkt er, so zurückgelehnt, mit schwarzem Hemd und angegrautem Haar. Beruf? Angestellter der Universität der Künste. Vorstrafen? Keine.

Es geht um ein Haus. Oder besser um zwölf Quadratmeter Mansarde. Das Haus, in dem die Mansarde liegt, ist ein von außen ganz unscheinbares Ding, mit zwei Stockwerken, beige-gelbem Anstrich und schwarzen Fensterläden. Seit 1937 steht es in idyllischer Umgebung. In einer Gegend Zehlendorfs, wo mehr Räder als Autos unterwegs sind, die Luft zwischen den Villen nach Gras und Kastanienblüten riecht. Frau Baumert wollte so gerne ins Grüne ziehen, der behinderte Sohn ging bereits in Zehlendorf zur Schule, und die Idee, gemeinsam mit den besten Freunden ein Mehrfamilienhaus zu kaufen, fand auch Herr Baumert klasse. Das untere Stockwerk wird vermietet, in die Mitte ziehen die Freunde und die Baumerts bauen den Dachboden aus - das war abgemacht. Als der Angeklagte 1997 den Kaufvertrag unterschrieb, war es Sommer. Mittlerweile sind die Baumerts Veteranen im Krieg am Gartenzaun. Nur, dass ihre Front quer durch das Dachgeschoss verläuft. Denn mitten unter Vater, Mutter und Sohn lebt, eingekeilt in einer möblierten Mansarde, Frau Kitz. Die Baumerts haben sie praktisch mitgekauft.

Hass auf Zetteln

Szenenwechsel. Während Herr Baumert den Besucher durch die Wohnung führt, flitzt auf dem Flur plötzlich ein Schatten vorbei. "Na, so gute Laune heute Abend, junger Mann?", ruft der Schatten. Frau Kitz. Sie rückt ihren Wollhut zurecht und schlägt die Haustür zu. Herr Baumert ist in drei Sekunden von Null auf 180. Das ist wie ein Reflex, gegen den er nicht mehr ankommt. Wenn er es denn wollte. Frau Baumert klingt eher resigniert. Blauäugig seien sie damals gewesen, sagt sie. Sie dachten, dass sie Frau Kitz problemlos kündigen könnten. Weil sie an eine Einigung glaubten, an eine Entschädigung, an passablen Ersatz - aber niemals daran, dass Frau Kitz einfach bleiben würde. Aber Frau Kitz ließ die Ausbauarbeiten stoisch an sich vorübergehen. Zuweilen ließ sie sich sogar wie ein Demonstrant mit ihrem Stuhl von Zimmer zu Zimmer tragen. Als die Familie schließlich einzog, waren die Fronten längst verhärtet. Wie Sie sich denn die Zukunft vorstelle, fragte Herr Baumert am ersten Tag. "Mit Ihnen rede ich nicht", sagte Frau Kitz und verschwand in ihrer Mansarde. Die Kampfzone war umrissen.

Vor Gericht erscheint Frau Kitz, 66, in grauem Rock, Strickjacke und beigen Pullover. Rote Wollsocken stecken in einem Paar Pumps. Früher habe sie als Volkshochschuldozentin gearbeitet, sagt sie. Germanistik und Anglistik. Seit über 20 Jahren lebt sie in ihrer Mansarde, 12 Quadratmeter mit einer Kochplatte, für 205 Mark Miete im Monat. "Warum sind Sie denn nicht ausgezogen?" fragt der Richter.

"Ich habe mir das Recht genommen, nicht in Panik die Flucht zu ergreifen."

"Ha! Jahre geht das nun! Jahre!", fährt Herr Baumert dazwischen - und wird zur Ordnung gerufen. Der Richter hakt nach: "Ist doch alles so eng da."

"Das ist da aber von großer Qualität: wenig Miete, gute Wohngegend."

"Aber mit dem ganzen Streit..."

"Ich bin nicht willens, Billigwohnraum abzugeben!" Graue Haare umrahmen das blasse Gesicht. Der Wunsch nach Frieden muss Frau Kitz vor langer Zeit abhanden gekommen sein.

Ihr ganzer Hass entlädt sich in diesen kleinen vollgetippten Zetteln, die Frau Kitz im ganzen Haus verteilt. Angeklebt mit etwas Tesafilm, baumeln sie hinter der Haustür, wenn Herr Baumert nach Hause kommt. "Reiche Zehlendorfer Hausbesitzer vergreifen sich am Eigentum armer Mieter", steht da beispielsweise. Oben angekommen, muss Herr Baumert die Wohnung und auch die Tür zum Wohnzimmer aufschließen. Aus Sicherheitsgründen wird alles verrammelt. Denn den Rest des Dachgeschosses, Flur und Bad müssen sie sich mit Frau Kitz teilen. In 2,09 Quadratmeter haben sie das Bad untergebracht. Das Waschbecken ist so winzig, dass gerade mal die geballten Fäuste unter den Wasserhahn passen, und weil die Baumerts nicht auch noch die Dusche mit Frau Kitz teilen wollen, haben sie die Armatur mit einem gewaltigen Zahlenschloss verhängt. Ob ihm das alles nicht manchmal etwas verrückt oder absurd vorkommt? Herr Baumert versteht die Frage überhaupt nicht. Er schimpft über die Bürokratie, die Gerichte, die Wartezeiten...

Und was treibt Frau Kitz den lieben langen Tag? Sie scheint Opernfan zu sein, die Musik höre man durch alle Wände, so wie das Schreibmaschinengeklapper. Viel wissen die Baumerts nicht über Frau Kitz, nur so viel: Sie verlässt jeden Abend pünktlich um halb sieben das Haus und kehrt erst gegen Mitternacht zurück. Einmal hat Herr Baumert sie sogar heimlich verfolgt, am Wittenbergplatz hat er sie dann aber aus den Augen verloren.

Die Spuren jedes einzelnen Gefechts hat Herr Baumert fotografiert. Die eingeweichte Unterwäsche von Frau Kitz im Badezimmer. Die Wasserlachen unter dem Blumentopf auf den Dielen des engen Flurs. Die als Stolperfallen verteilten Telefonbücher von 1986. "Die räume ich etwa drei Mal täglich wieder in die Kammer", sagt Herr Baumert.

Dort, wo jetzt die Telefonbücher lagern, sollte ursprünglich das richtige Badezimmer der Baumerts entstehen. Die Wanne stand schon, die Wände waren gefließt - da erkämpfte Frau Kitz einen Baustopp. Sie habe seit Jahren ihre drei Koffer und zwei Kisten in der Kammer aufbewahrt, sagte sie - und bekam Recht. Gewohnheitsrecht, beschied der Richter. Frau Kitz stritt weiter: beschwerte sich über Baumerts bei der Polizei, beim Wohnungsaufsichtsamt, der Bürgerberatung. Und stellte Anzeige um Anzeige.

Rote Grütze mit Vanillesoße

Jetzt hat Herr Baumert das Wort, und das genießt er: Von den erfolglosen Kündigungen, erzählt er, den ausgeschlagenen Angeboten ("unter anderem 20 000 Mark Abfindung und eine Wohnung am Lietzensee für 250 Mark Miete pro Monat"). Dem verschüchterten Sohn ("der traut sich nicht mehr auf den Flur"). Immerhin, nach Jahren schien es endlich eine Lösung des Zanks zu geben: Der letzte Kündigungsstreit endete vor dem Zivilgericht mit einem Vergleich. Die Baumerts erlassen ihrer Mitbewohnerin rund 2500 Euro Mietschulden, Frau Kitz soll dafür am 31. Juli das Feld räumen. Aber nun diese Anzeige hier vor dem Amtsgericht.

In der Küche zündet sich Herr Baumert noch eine Zigarette an. Derweil wühlt seine Frau in den Aktenordnern, die sie auf dem alten Esszimmertisch ausgebreitet hat. Ein Stapel für die Anzeigen, über 40 Stück, inzwischen eingestellt. Ein Stapel für die Fotos. Ein Stapel mit Rechnungen. Frau Baumert zieht sie einzeln heraus: Ein Kännchen Kaffee und zwei Stück Kuchen im "Café am Breitenbachplatz". Eine rote Grütze mit Vanillesoße im "Leysieffer". Ein paar Socken und ein Strohhut aus dem "KaDeWe". Die Rechnungen hat Frau Kitz gegen Ende jeden Monats eingereicht. "Und dann kommentarlos von der Miete abgezogen", sagt Frau Baumert. Das Mietrecht legt Frau Kitz auf ihre ganz eigene Weise aus.

Wieder im Amtsgericht. "Sind Sie denn aus der Haut gefahren, haben Sie Frau Kitz bedroht?", will der Richter jetzt wissen. Herr Baumert weicht aus. "Gelegentlich?" fragt der Richter weiter und Herr Baumert antwortet wieder mit einer dieser endlosen Streitgeschichten. Aber der Richter hat jetzt endgültig genug, er will von weggeschlossenen Zahnbürsten und Wasserpfützen nichts mehr wissen und stellt die Verfahren ein. Wegen mangelndem Interesse der Öffentlichkeit. Nur eines muss Herr Baumert noch zu Protokoll geben: "Einzelheiten bestreite ich. Aber ich gebe zu, dass es zu der ein oder anderen Auseinandersetzung gekommen ist."

Aber Herr Baumert kann nicht aufhören zu reden, jetzt, da ihm endlich einer zuhört, ein Richter, da redet und redet und redet er. Von den Mietern im Erdgeschoss, mit denen er wegen des Baulärms im Streit liegt. Und von der abgekühlten Freundschaft mit dem Paar im Mittelgeschoss, weil er schließlich das halbe Haus gekauft habe und nun mit seiner Familie zu dritt auf 57 Quadratmetern lebt. Er kann sich gar nicht mehr stoppen, und redet sich zum Schluss dann doch noch um die Symphatie des Richters. "Gehen Sie und genießen Sie Ihr wunderbares Haus! Aber gehen Sie."

Am nächsten Tag hängen in dem wunderbaren Haus wieder die Zettel im Flur. Frau Kitz analysiert das Verfahren schriftlich: "Herr Baumert hat nichts zugegeben, sagte der Richter - wie nicht anders zu erwarten", steht da auf hellem Grün. Und eine Treppe höher: "Der Richter bestätigte ausdrücklich, dass er, Herr Baumert, nicht freigesprochen ist!" Frau Kitz hat noch lange nicht aufgegeben.

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