Zeitung Heute : Ausweitung der Kriegszone

Christoph Marschall[Washington]

In Berlin findet eine internationale Konferenz zum Wiederaufbau Afghanistans statt, die USA wollen die Truppen in dem Land verstärken. Könnte in Afghanistan eine ähnliche Situation wie im Irak drohen?


Im Laufe des Jahres 2006 hat sich die Lage der Nato-Truppen in Afghanistan drastisch verschlechtert. Sie erzielen zwar lauter taktische Siege gegen die Taliban, strategisch sind sie aber dabei, die Auseinandersetzung zu verlieren, weil die Islamisten einen schier unerschöpflichen Nachschub an Kämpfern aus dem angrenzenden Pakistan bekommen. Fünf Jahre nach ihrem Sturz sind die Taliban wieder ein ernst zu nehmender Gegner in Afghanistan, Ende 2006 kontrollierten sie ein drei Mal so großes Territorium im Süden und Osten wie noch Ende 2005.

Binnen zwölf Monaten haben sich die Zahl der Selbstmordattentate versechsfacht, die Feuerüberfälle auf Nato-Truppen verdreifacht, die Angriffe auf afghanische Einheiten vervierfacht. Die Kämpfe konzentrieren sich auf den Süden und Osten nahe der Grenze zu Pakistan. Die Nato hatte diese Regionen erst vor ein bis zwei Jahren übernommen. Sie kann die Taliban zwar vorübergehend aus einzelnen Gegenden vertreiben, diese aber nicht halten. Das Paschtunengebiet war schon früher Kernregion der Taliban. Auch im Norden, wo die Bundeswehr stationiert ist, nimmt die Gewalt spürbar zu.

Die Lage erinnere mehr und mehr an die Zustände im Irak, warnen britische und amerikanische Beobachter. Sie rechnen mit einer großen Frühjahrsoffensive der Taliban nach der Schneeschmelze. Selbst wenn die Nato reagiere, werde sich die Lage 2007 zunächst weiter verschlechtern, sagt Anthony Cordesman vom Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington. Er hält diesen Krieg anders als den im Irak noch für gewinnbar, aber nur, wenn die Allianz mehr Truppen und Geld zur Verfügung stelle, um die lokale Bevölkerung durch spürbare Erfolge beim Wiederaufbau für sich zu gewinnen. Bisher sind nur die Amerikaner bereit, ihre Truppen in Afghanistan zu verstärken. Wenn die Nato nicht rasch auf die ernste Lage reagiere, werde der Westen auch diesen Krieg verlieren – mit gravierenden Folgen für das Bündnis, das Afghanistan zum Test für seine Zukunftsfähigkeit erklärt hatte.

Deutsche Außenpolitiker schildern die Lage ähnlich pessimistisch, zum Beispiel Werner Hoyer (FDP) bei einem Besuch in Washington. Im Bundestag gebe es jedoch keine ausgeprägte Bereitschaft, mehr zu tun, kritisierte er. Hoyer plädierte dafür, die Ziele in Afghanistan bescheidener zu formulieren. Dann könne man den Eindruck eines völligen Misserfolgs vermeiden, der die Nato politisch beschädigen würde. Hoyer teilt die Kritik an der Ausbildung der afghanischen Polizei durch Deutsche, die sich mehr an den Standards der Bundesrepublik als an den Erfordernissen Afghanistans orientiert. Auch beim Vorgehen gegen den Drogenanbau, aus dem sich die Warlords finanzieren, gebe es keine Fortschritte.

Hauptproblem aber ist Afghanistans Nachbar Pakistan. Die Zentralregierung in Islamabad hatte zwar nie volle Kontrolle über die Stammesgebiete, die den Taliban als Rückzugs- und Rekrutierungsraum dienen. Aber sie scheint den Kampf gegen die Islamisten auch weitgehend eingestellt zu haben. Militär wie Geheimdienst sind zu einem Großteil von Talibansympathisanten unterwandert.

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