Zeitung Heute : Ausweitung der Kulturzone

Die Entwürfe von Alessi gab es bislang nur für Küchen. Jetzt kommt die erste Serie fürs Bad in die Geschäfte – das Ergebnis eines 30-jährigen Entwicklungsprozesses

Knuth Hornbogen

Als sich vor Jahren drei Herren in einer Sauna trafen, wussten sie noch nicht, welch einschneidende Folgen ihr Gespräch haben sollte. Sie ärgerten sich über die „abgrundhässlichen, fast schon grotesken Bad-Serien und Armaturen“, wie sie im Handel angeboten wurden. Nach einigen Aufgüssen kamen die drei Herren, Yurio Sotamaa, Rektor der Universität für angewandte Künste in Helsinki, Pekka Paasikivi, Inhaber der Armaturenfababrik Oras Oy und der italienische Unternehmer Alberto Alessi, zu einem Entschluss: Dem Übel sollte mit einem Designprojekt begegnet werden.

Das Ergebnis der dann folgenden, mehrjährigen Entwicklung gelangt jetzt in die Fachgeschäfte: Eine unter der Regie von Alessi entwickelte und von drei Herstellern produzierte Bad-Serie sowie passende Armaturen und Accessoires – gemeinsam betitelt als „Il Bagno Alessi“.

Für die bislang nur im Bereich der Küche tätigen Marke Alessi, eine Ausweitung der Kulturzone. Von „Wellness-Bädern“, „Neuer Sinnlichkeit“ und „Wohlfühlwelten“ wird bei Bädern oft gesprochen. Werbetexter suchen stets nach neuen Worten, um dem profanen Porzellan höhere Weihen zu verleihen. Mit mäßigem Erfolg, denn angesichts digitaler Temperaturanzeiger oder martialisch-technisch anmutenden Massagedüsen, bleibt das wohlige Gefühl – meist Fiktionswellness – ein unerfüllter Traum. Das Institut für qualitative Markt- und Medienanalyse „rheingold“ in Köln stellte jüngst sogar fest, dass Wellness höchst paradox erlebt wird. Denn „der ersehnte Zustand der Überwältigung durch ein bestimmtes Körpergefühl muss aktiv erarbeitet werden“. Von aktiver Arbeit oder gar einer Mühsal des Müßiggangs berichten Badhersteller indes nie.

Spiel mit Gegensätzen

Es ist kaum verwunderlich, dass Alberto Alessi, Freund der Philosophie und Kenner der Psychoanalyse, nicht mit solchen Produktversprechen tönt. Seine Version des Bades stellt sich als Ergebnis eines 30-jährigen Entwicklungsprozesses dar – eingeschlossen der Erkenntnisse jüngster Experimente. Schon seit der Jurist 1970 in das Familienunternehmen eintrat, schwebte ihm eine „Vervielfachung der Kunst“ vor. Inzwischen betrachtet er die Aufgabe seines Unternehmens als „eine Mischung aus Exzentrik und Stil, Weitsichtigkeit und Kultur, Ironie und Eleganz. Ein Spiel mit den Gegensätzen.“ Zeugnis davon legen zahlreiche Produkte ab, die heute Ikonen des Design sind.

Die Zitronenpresse „juice salif“ (1990) von Philippe Starck etwa, oder der Korkenzieher „Anna G.“ (1994) von Alessandro Mendini. Ikonen nicht wegen ihres Verkaufserfolges, sondern ihrer Botschaften und Gesellschaft prägenden Wirkung.

Bis die Hausdesigner von Alessi ihren Objekten Gesichter gaben, sie vermenschlichten, bis sie zeigten, dass die Küche Ort spielerischer Freude ist, galt im Design die Vernunft der guten Form. Und wer wollte angesichts stets in der Küche endender Partys leugnen, dass sie mehr mit Plauderei und Spaß zu tun hat als mit sachlicher Zubereitung von Lebensmitteln. Punktsieg für Alessi.

Doch was sich im Zuge dieser neuen Freiheit abspielte, hat die Wahrnehmung der Marke Alessi stärker geprägt als alle klugen Produkte zuvor: Die Architekten Stefano Giovannoni und Guido Venturini bescherten der Designmanufaktur eine Fülle niedlicher Figuren, infantiler Formen und naiver Farben. Das Salatbesteck bekam Füße, watschelte auf dem Küchentisch hinüber zum Gewürzbehälter mit dekorativen Pflanzenfiguren: Design wurde zum Comic. Die Küche präsentierte sich als Bühne einer zügellosen Spaßgesellschaft; diese bekam ihre Produkte.

Psychoanalytische Schützenhilfe

Aber selbst wenn Alberto Alessis Liebe zur Poesie – davon spricht er bei jeder Gelegenheit – zum banalen Witzkabinett mutierte, der Weg war nötig, um zu der neuen Badserie zu gelangen. Erstmals nämlich hatten sich die Designer um die „Theorie des Liebeskodex“, einer psychoanalytischen Schrift von Franco Fornari bemüht. In der Produktserie „Family Follows Fiction“ und anderen Projekten entwickelten die Designer phallisch anmutende Gegenstände oder versahen Objekte mit weiblichen Rundungen. Waren diese Formen bei den bunten Küchenobjekten noch kindlich und naiv, scheinen sie in der Bad-Serie nun endlich erwachsen geworden zu sein. Wie konnte dieser Schritt gelingen?

Ganz dem Widerspruch verpflichtet, verdonnerte Alberto Alessi seine Mitarbeiter über eine „neue Einfachheit der Dinge“ nachzudenken. Und zwar parallel zur Entwicklung bunter Küchenobjekte. In diesen Bemühungen sah er „einen Versuch, den (relativ) mühelosen, spielerischen Ausdruck einiger unserer jüngsten Entwürfe zu überwinden, um in den Dingen eine größere Dinglichkeit wiederzuerlangen.“ Fündig wurde sein Team bei älteren Entwürfen. Etwa dem Aschenbecher von Marianne Brandt, der einzigen Frau in der Metallwerkstatt des Bauhauses. Wie dieser zeigten, so meint Alberto Alessi, einige Bauhausentwürfe das Bestreben ein eigenständiger Urtyp der Funktion zu sein. Als Ergebnis dieses widersprüchlichen Engagements taucht aus dem gegenwärtig unüberschaubaren Meer des Retro-Designs – inmitten verunsicherter Fröhlichkeit – nun eine Form auf, die so eigenständig-ernst wie poetisch-spielerisch ist. Das erstaunliche: Auch diese Objekte stammen aus der spielerischen Feder Stefano Giovannonis. Der Keramik hat er, ganz dem „Mutterkodex“ Fornaris verpflichtet, weibliches Volumen gegeben, behütende Becken gezeichnet. Der Strenge des „Vaterkodex“ tragen glatte Flächen und scharfe Kanten Rechnung. Auch die Wasserhähne spielen mit männlichen Attributen wie Autorität und Prestige. Der Kampf weicher-weiblicher und harter männlicher Formen zieht sich durch den gesamten Entwurf, ein ausgewogenes Spiel von „Mutterkodex“, „Kodex der Erotik“ und „Vaterkodex“ wird formal umgesetzt. Alessi ist einen mühseligen Weg gegangen, um nun ein Produkt zu präsentieren, das die Verfassung der Gesellschaft spiegelt: Sehnsucht nach Harmonie und Behaglichkeit ebenso wie nach Ordnung, Macht und Autorität. Mehr denn je zeigt sich Alberto Alessis Blick für die Zukunft hier in Reinform: als politische Poesie.

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