Zeitung Heute : Auto-Kino: Filme unterm Autohimmel

Joachim Göres

Mercedes, Jaguar, große Sportwagen, schicke Cabriolets, alles neue Modelle - man könnte glauben, auf einem Autosalon gelandet zu sein, wenn nicht die große weiße Leinwand wäre. Dort laufen jeden Abend die neuesten Kinohits, und das Publikum sitzt in seinen meist teuren Autos und verfolgt das Geschehen per Ton über das Autoradio mit.

1992 machte das Autokino Hannover-Kirchhorst seine Pforten zu, seit zwei Monaten ist das inzwischen einzige Autokino in Niedersachsen wieder geöffnet - und das anscheinend gut betuchte Publikum strömt bei Eintrittspreisen von 15 Mark nur so hinein. "Wir haben 950 Pkw-Stellplätze, und im Durchschnitt sind davon ein Drittel belegt. Es gab noch keine Vorstellung, bei der die Kosten nicht gedeckt waren", zeigt sich Geschäftsführer Peter Finke mit der bisherigen Resonanz sehr zufrieden.

Die motorisierten Cineasten kommen aus Ostwestfalen, Sachsen-Anhalt und von der Küste nach Hannover - Autokino scheint nach dem Niedergang in den 90er Jahren wieder "In" zu sein. "Die Umsätze in der Gastronomie gehen zurück, nur bei Biergärten und Open-Air-Kinos ist der Trend positiv", sagt Finke. Bei schönem Wetter wird das Publikum zusätzlich mit einem Biergarten nach Kirchhorst gelockt, wo die Filme von 21 Uhr an gesehen werden können. Zudem stehen auf einer großen Sandfläche Liegen, auf denen man es sich gemütlich machen kann.

"Am Anfang haben wir auch Bands auf der Bühne spielen lassen und Kult-Filme gezeigt. Doch das lief nicht: Die Leute wollen einfach nur aktuelle Titel sehen", erzählt Finke. Nicht nur Action, auch Komödien. "Je schwachsinniger, desto besser", lautet sein leicht frustriertes Fazit. Zu den diesjährigen Hits zählten "Der Schuh des Manitu", "Pearl Harbor" und "American Pie".

"Blut läuft immer gut", sagt Willi Dahms, Vorführer im Autokino Hamburg-Moorfleet, über die Vorlieben seiner Besucher. Er ist seit 27 Jahren dabei, seine Kundschaft kommt aus ganz Norddeutschland. Derzeit läuft gerade "Kommando Störtebeker", doch der Zeichentrickfilm wird nicht mehr lange zu sehen sein - zu wenig Blut. Dahms Arbeitgeber ist die bayerische Jahn-Gruppe, die in Deutschland die meisten der rund ein Dutzend Pkw-Freiluftkinos betreibt. Von einem Trend mag Firmensprecherin Monika Wasserthal noch nicht reden. "Wir schreiben keine Minuszahlen", sagt sie vorsichtig.

Vom Schmuddel-Image der Vergangenheit will sie nichts wissen: "Sexfilme sind bei uns tabu." Vor allem in den neuen Bundesländern sei das Autokino schwer im kommen, sagt Peter Finke. Dort hätten in diesem Jahr einige Freiluftkinos eröffnet und weiter östlich gebe es mittlerweile die größte Dichte an Autokinos in ganz Europa: in Polen.

Es sind nicht die ganz jungen Autofahrer, die nur vom Pkw aus einen Blick zur Kinoleinwand werfen wollen. In Kirchhorst liegt der Altersdurchschnitt weit über 30, zum Stammpublikum zählen vor allem Besucher über 45. Etliche von ihnen lernten das Autokino bereits in den 70er Jahren kennen und lieben, als das Benzin billig war und das väterliche Auto den Kontakt zum anderen Geschlecht erleichterte.

Auch heute sind viele Filmfans in Kirchhorst Paare, andere Besucher kommen allein - selbst bei Regen, wenn der Scheibenwischer für freien Blick sorgen muss, sagt Finke.

Er investierte zusammen mit zwei weiteren Unternehmen 200 000 Mark in neue Technik, und er ist zuversichtlich, dass sich die Ausgabe lohnt: "Der Trend ist eindeutig, das zeigen auch die Entwicklungen in den USA und England."

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