AUTOBIOGRAFIEJohn Burnside „Lügen über meinen Vater“ : Schreiben als Ventil

Foto: ©Helmut Fricke

Einen Vater, der sich hinter seiner Zeitung versteckt und eigentlich gar nicht da ist, das wünscht sich John Burnside sein Leben lang. Er malt ihn sich aus als einen Teich im Wald, der jahrelang ungestört daliegt und sich mit Blättern und Sporen füllt. Ein schöner Traum. Die bittere Realität: Sein Vater war ein aggressiver Alkoholiker, der ihn und seine Mutter im schottischen Cowdenbeath brutal tyrannisierte. Als Konsequenz aus seiner traumatischen Kindheit zog es John Burnside später immer wieder selbst zu nächtelangen Saufgelagen – bis er in einer Psychiatrie landete und das Schreiben als Ventil entdeckte.

Heute ist John Burnside einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Schottlands. Die Kraft, über seinen Vater zu schreiben, fand er erst über zehn Jahren nach dessen Tod. Sein unfassbares Buch „Lügen über meinen Vater“ ist Anfang des Monats auf Deutsch erschienen (Knaus Verlag), und am Mittwoch liest er daraus im Berliner BKA-Theater auf Englisch und Deutsch. Es ist eine sehr bewegende, eine grausame Geschichte. Wie schon in „Die Spur des Teufels“ und „Glister“ beschäftigen ihn die tiefen menschlichen Abgründe.

Wenn der Vater den Teddy seines fünfjährigen Sohnes verbrennt, erscheint er als ein wahnsinniges Monster. Burnside versucht aber auch zu ergründen, warum er sich ihm gegenüber so verhielt: „Er war wirklich ein Niemand, ein Findling, ein Wechselbalg“, der verzweifelt gegen seine Ohnmacht antrank und prügelte. Diese ambivalente Betrachtung macht Burnsides Autobiografie höchst lesens- und hörenswert. Johan Dehoust

BKA, Mi 30.3., 20 Uhr,

8/6 €

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