AUTOBIOGRAFISCHESUwe Timm „Am Beispiel eines Lebens“ : Wirklichkeit umbauen

Erzählen sei für ihn, hat Uwe Timm einmal in einer Poetikvorlesung gesagt, „allein für mich wichtig, den Erzähler“. Es folgte eine Liste, anhand derer der in München lebende Schriftsteller die Triebkräfte seines Schreibens aufzählte, unter anderem „die Lust, spielerisch die Wirklichkeit umzubauen, damit etwas Neues, so nicht Dagewesenes entsteht“. Oft ist es der eigene Lebensstoff, den Timm in seinen Romanen zu Literatur umgebaut hat. Doch auch wenn er ganz ausdrücklich von sich selbst erzählt hat, in den autobiografischen Büchern „Vogel, friss die Feige nicht“, „Am Beispiel meines Bruders“ sowie „Der Freund und der Fremde“ nahm Timm einige Umbauarbeiten vor, verweist das Ich, von dem hier die Rede ist, auf Allgemeingültiges.

Gerade in den beiden kurz aufeinanderfolgenden Erzählungen über den im Zweiten Weltkrieg gefallenen Bruder und seine Freundschaft zu Benno Ohnesorg spiegelt sich die deutsche, die bundesrepublikanische Geschichte: der Nationalsozialismus, die fünfziger Jahre, die Zeit vor und während der Studentenrevolte in den Sechzigern. Der Schriftsteller Uwe Timm hat im Leben wie in der Literatur immer nach dem Beispielhaften gesucht, nie nach dem Besonderen, dem Extravaganten. Insofern passt der Titel „Am Beispiel eines Lebens“, den sein Verlag der Wiederauflage der drei autobiografischen Bücher in einem Band gegeben hat.

Dieser Band erschien dieses Jahr zu Uwe Timms 70. Geburtstag; ein neues Buch von ihm gibt es im Frühjahr 2011, die Novelle „Freitisch“. Darin erinnern sich zwei ältere Männer ihrer Ziele, Ideale und Arno-Schmidt-Begeisterung in den frühen Sechzigern – und eines Freundes, der ein erfolgreicher Schriftsteller geworden ist. Gerrit Bartels

Babylon Mitte, Mi 8.12., 20 Uhr, 12 €

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