Zeitung Heute : Autofahrer beleidigen

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

J. ärgert sich über die SPD. „Die haben beim Rosa-Luxemburg-Platz den Gehweg verbreitert!“, schimpft er. Jetzt ist weniger Platz für die Autos. „Zwangsbeglückung“, nennt J. das. „Nichts gegen Umweltschutz“, sagt er, aber Fahrbahnverengungen kann er nicht leiden. „Typisch SPD!“

„Die räumlichen Ressourcen sind auch in einer Großstadt begrenzt“, erklärte ich ihm. „Und, mal ehrlich, es ist doch sowieso völlig sinnlos, in Berlin mit dem Auto zu fahren“, sagte ich, während wir in seinem Wagen über den Alexanderplatz donnerten. „Man findet ja sowieso nirgends einen Parkplatz.“

Durch die Scheiben eines Autos, sieht Berlin irgendwie glamouröser aus, muss ich zugeben. Beim U-Bahn-Fahren ist der Blick ja generell etwas eingeschränkt. Überhaupt, das Auto: ein Stück Freiheit! In Mitte suchten wir dann stundenlang nach einem Parkplatz.

Autos sind übrigens menschenfressende Ungeheuer. Das habe ich mit vier Jahren im Baseler „Kinderhuus“ vom Betreuer Lars gelernt. Zum Glück habe ich J. von dieser frühen Prägung nichts erzählt. Sonst hätte er mich wahrscheinlich zu Fuß gehen lassen.

M. ist Ingenieur und hat mir neulich von modernen Autos mit Außen-Airbag berichtet: Wenn man von denen überfahren wird, ploppt automatisch eine Luftblase raus, der Stoß wird abgebremst und man überlebt – vielleicht. Das scheint einiges zu bringen: „Die Zahl der getöteten Fahrradfahrer liegt auf dem zweitniedrigsten Stand seit 1990“, freut sich der ADFC Berlin auf seiner Website. Ich habe jetzt viel weniger Angst vor Autos, als in meiner Kindheit. Tapfer wie Wilhelm Tell klettere ich diesen Ungeheuern gelegentlich gar in den Rachen.

Nach Hause bin ich natürlich wieder mit der U-Bahn gefahren. Es ist ein gutes Gefühl, moralisch überlegen zu sein. Allerdings musste ich beim Umsteigen am Hermannplatz sehr lange warten. Die kriegen einfach nix auf die Reihe in Berlin! Typisch SPD!

Herrschaftswissen für Velo-Liebhaber: ADFC Berlin, Tel. 4484724, www.adfc-berlin.de

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