Automobilgeschichte : Das Werk ihres Lebens

Sie ist die kleinste der vier deutschen Opel-Fabriken. Und die beste, hieß es immer. Doch nun müssen die Autobauer aus Eisenach lernen, dass solches Lob nicht viel wert ist in Zeiten der Krise.

Torsten Hampel[Eisenach]
Opel
Auf Brände vorbereitet. Hydrant auf dem Opel-Gelände in Eisenach. -Foto: dpa

Ihling hat ein Haus am Hang. Er hat es selbst gebaut, acht Jahre Arbeit sind das gewesen, und als ganz am Anfang die Frage geklärt werden musste, wo denn die Garage hinkommen soll, war die einzig vernünftige Antwort: Die Garage kommt auf die Talseite, sie wird der Sockel, der das ganze Grundstück vorm Abrutschen bewahrt.

Ihling also. Hangbewohner, Selbermacher, Sockelgaragenbauer. Automann aus Eisenach. Macht sich Gedanken, denn das, was seit 1951 sein Leben ist, droht nun von einem Tag auf den anderen zu verschwinden.

Horst Ihling ist ein weißhaariger Mann Jahrgang 1932, er läuft durch sein Wohnzimmer und sagt: "Jetzt steht das gute Werk da und ist nicht überlebensfähig." Das gute Werk ist ein Opel-Werk. Es ist das wirtschaftlichste aller Opel-Werke, doch das bedeutet jetzt nichts mehr, es ist abhängig vom Schicksal der anderen oder davon, dass irgendjemand, der Staat, die Konkurrenz, es kauft. Ihling hat für dieses Werk gearbeitet, seit es existiert, und davor für einige jener anderen Eisenacher Automobilfabriken, die auch lange Zeit anstandslos liefen und um die die Stadt plötzlich trotzdem hat bangen müssen, bis sie schließlich aufhörten zu existieren. Das letzte Mal ist gar nicht so lange her, Ihling hat es noch gut in Erinnerung. Es war höhere Gewalt damals. Wie immer in Eisenach. Wie heute.

Kriege wurden geführt, sie gingen verloren und die Obrigkeit wechselte, Staaten verschwanden. Und immer bedeutete das für die Autobauer aus Eisenach das Ende. Es müsste also ein Gewöhnungseffekt eingetreten sein, Gelassenheit, es ist ja stets auch weitergegangen, unter neuen Namen, mit neuen Autos. Und wer sagt denn, dass die jahrzehntelange Misswirtschaft von Vorgesetzten aus Detroit desaströser gewesen ist als verlorene Feldzüge.

Schon ihre Großväter wussten, wie man Autos baut

Ihling sagt das. "Das wird glashart jetzt", sagt er, für das Opel-Werk und für die Stadt. Er ist nervös, seine Hände streichen ständig über den Tisch, an dem er nun sitzt, und immer dann, wenn er lange redet, wird seine Stimme flach und luftleer, so sehr erregt er sich.

Dieser Mann muss lange nicht mehr nervös gewesen sein. Wenn sein Gesicht etwas ausstrahlt, dann eine mit den Lebensjahren gewachsene Ruhe und Unerschütterlichkeit. Da sind klare Augen und das weiße, gescheitelte Haar. Aber da sind auch die Hände, und da ist die Stimme.

"General Motors wollte das ja nicht, das Opel-Werk hier. Die waren schon damals weit weg von allem, was im Autobau passiert." Der damalige Opel-Vorstandsvorsitzende hat dann aber bei den Konzernchefs in Amerika durchgesetzt, es wenigstens zu probieren. Am 5. Oktober 1990, zwei Tage nach der Wiedervereinigung Deutschlands, fuhr der erste Opel Vectra aus Eisenach vom Band, es war ein Test für die Monteure. Sie haben bestanden. Offenkundig wussten sie, wie man Autos baut. Schon ihre Großväter wussten das.

BMW kam nach Dixi

Als Horst Ihling 1951 seine Lehrzeit bei den Autobauern von Eisenach begann, hatten die schon über ein halbes Jahrhundert Firmengeschichte hinter sich. Gerade stellten sie zwei neue Prototypen auf der Leipziger Messe vor. Den BMW 342 und den BMW 343. Im Messemagazin wurde eine Anzeige gedruckt, "5 seats - 4 doors - 5 tires - 120 km/h" stand da, und darunter: "BMW-Cars are the leading products of the German Democratic Republic".

BMW. In der DDR. Die führenden Produkte.

BMW kam nach Dixi. Im November 1928 war das, die Bayerische Motoren Werke AG kaufte die Eisenacher Fabrik. Der bisherige Besitzer - die Gothaer Waggonfabrik AG - war in finanzielle Schwierigkeiten geraten, seine Autos waren zu groß und fanden nach dem Ersten Weltkrieg keine Käufer. Die Gothaer wiederum hatten sich sieben Jahre zuvor bei der Fahrzeugfabrik Eisenach AG eingekauft, die damals ebenfalls in Geldnot war und erfolglos versuchte, ihren Vorkriegskleinwagen Dixi wieder gewinnbringend zu produzieren.

Nach den Bayern, die bis 1928 vieles bauten, nur keine Autos, kam der Zweite Weltkrieg, danach die Sowjetische Besatzungszone und mit ihr die sowjetische Aktiengesellschaft Awtowelo. Es kam das Verbot, die Autos unter dem Namen BMW zu verkaufen. Nach der Rückgabe aus der sowjetischen Verwaltung wurde das Werk 1952 von der DDR verstaatlicht und in VEB IFA Automobilfabrik EMW Eisenach umbenannt, EMW für Eisenacher Motorenwerk. Drei Jahre später erhielt es den Namen VEB Automobilwerk Eisenach - AWE. Es baute den Wartburg. Und dann kam die Wende.

Das wirtschaftlichste Opelwerk - und doch hilflos

"AWE", sagt Ihling, "hatte keine Legitimation mehr zu überleben." Sie sind zu viele Leute gewesen, sagt er, 10 000, "wir haben zu viele unproduktive Sachen mit durchgeschleppt". Ein Ferienlager für 1200 Kinder, die Ausbildung für zuletzt 600 Lehrlinge, die Betriebspoliklinik mit 27 Ärzten, die SED-Parteiorganisation. Er selbst war damals Pressechef des Werkes. Nach seiner Lehrzeit hat er studieren dürfen, eine Karriere gemacht.

Heute arbeiten bei Opel Eisenach 1700 Menschen, 1800, rechnet man die bald auslaufenden Verträge der verbliebenen Leiharbeiter mit ein. Das wirtschaftlichste Opel-Werk, sagt Ihling, effizient, lean production, und trotzdem so hilflos. General-Motors-Leute aus der ganzen Welt haben sich das angeschaut, sagt er, er kann sich noch gut erinnern an jenen Tag im Jahr 2005, als sie hier den 15.000. GM-Ingenieur begrüßt haben und ihm zeigten, wie das funktioniert mit der Wirtschaftlichkeit.

Hilflos ist Opel Eisenach heute deshalb, weil hier ausschließlich montiert wird, was andere Opel-Werke bauen. Die fertigen Karosserien kommen mit der Eisenbahn aus Saragossa, die Motoren aus Kaiserslautern. Wenn dort die Werke schließen, dann ist ein paar Tage später auch hier Schluss.

Andererseits ist das natürlich eine fantastische Möglichkeit, vielleicht die Rettung. Ein gut arbeitendes Montagewerk könnte auch für andere Hersteller interessant sein.

"Wie helfe ich mir selbst?"

Ihling allerdings glaubt nicht daran. "Interessant?", sagt er, "ja für wen denn? Den anderen geht's doch genauso wie Opel." Er ist auf die Terrasse getreten. Es ist dunkel hier draußen, unter Ihlings Füßen das Dach der Garage, ein Vectra steht darin und ein IFA F 9, drei Zylinder, Zweitaktmotor, 900 Kubikzentimeter, Liebhaberstück, das letzte, bis 1956 in Eisenach gebaute Modell, bevor die Wartburgs kamen.

Ihlings Blick geht weit. Er tastet das Tal unter ihm ab, die Stadt, eine großartige Aussicht. Drüben, am jenseitigen Berg, steht die Wartburg im orangefarbenen Licht. Dort hat Luther vor bald einem halben Jahrtausend das Neue Testament ins Deutsche übersetzt, unten im Tal wurde vor 140 Jahren die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet, die Vorgängerpartei der SPD.

Es ist erstaunlich viel passiert in dieser Stadt, in der heute 43.000 Menschen leben. Und das meiste davon, so scheint es - die Bibel, die SPD und das Autowerk -, war bisher von Bestand. Auch Ihlings Bindung an die Fabrik. Seit 1996 im "Opel-Report", der Betriebszeitung, sein Ausscheiden bekannt gemacht wurde - "Mann der ersten Stunde - Der Abschiedsbrief von Horst Ihling, ältester Eisenacher Opelaner" -, schreibt er Bücher über das Werk. Sein letztes liegt im Eisenacher Automobilmuseum an der Kasse. "BMW (Ost), EMW, Wartburg - Autorennsport in der DDR" heißt es. Auf den Schutzumschlag hat jemand einen roten Papierstreifen geklebt. Darauf steht, in weißer Schrift: "Ausgezeichnet in Paris mit dem Nicolas-Joseph Cugnot Award der Society of Automotive Historians für das international beste Automobilbuch 2006 in nichtenglischer Sprache".

Es ist offenbar ein gutes Buch, und vielleicht ist auch das ein kleiner Hinweis darauf, wie ordentlich in Eisenach gearbeitet wird. Ein Liebhaberbuch. Ihling hat aber auch Bestseller geschrieben. Einer davon, ein Reparaturhandbuch für Wartburg-Fahrer, heißt "Wie helfe ich mir selbst?". Acht Auflagen bis 1989, wahrscheinlich millionenfach verkauft.

Schwer zu vermitteln, dass es nun tatsächlich ernst ist

"Wie helfe ich mir selbst?" Man stellt sich zum Beispiel in den Keller eines Hauses und klebt Plakate auf große Pappen und nagelt Besenstiele daran. "Stirbt Opel Eisenach, stirbt auch die Region!" - Es ist fünf vor zwölf!" - "Einigkeit macht stark!" Man klebt Flugblätter an die Eingangstüren des örtlichen Opel-Autohauses und an die der Supermärkte. Man veranstaltet eine Kundgebung.

Reinhard Schäfer, Jahrgang 1963 und Opel-Betriebsrat, steht im Souterrain des Eisenacher IG-Metall-Hauses, drei Kollegen bauen und leimen an den Papptafeln, und die Zeit drängt. Es ist Mittwoch, am Tag darauf soll ein Aktionstag stattfinden, hier und in Rüsselsheim. Schäfer ist ein wenig in Sorge darüber, dass nicht genug Leute hingehen werden. "Wir hören hier seit Jahren, wir sind die Besten", sagt er. "Und wir hören seit Jahren, Opel ist in der Krise. Wenn man also heute jemandem mitteilt, es sieht schlecht aus, dann ist es ein bisschen schwer zu vermitteln, dass es nun tatsächlich ernst ist."

Wohl erst recht, wenn man gerade auch dabei ist, über die fünf geplanten Sonderschichten zu verhandeln, die erste im März ist schon beschlossen. Denn der Corsa aus Eisenach wird so gut verkauft wie lange nicht, wegen der Abwrackprämie, wer den Wagen heute bestellt, muss acht Wochen auf ihn warten. Doch jeder Tag, der ohne Entscheidung verstreicht, ohne Überlebensgarantie, nagt an diesem Erfolg. Jede Nachrichtensendung und jeder Zeitungsartikel, in denen es um die Opel-Krise geht, lässt vermutlich etliche Corsa-Interessenten skeptisch werden, lässt sie sich vielleicht für einen Wagen einer anderen Marke entscheiden. Auch dieser Artikel hier.

Materielle Vorraussetzungen

Schäfer ist ein großer, breiter Mann, Fahrzeugschlosser mit einer Vorliebe für Mützen, er hat bis 1981 in der Endmontage gearbeitet. Seit 1992 ist er Teamsprecher, "früher hätte man gesagt, Brigadier". Sein Vater war hier im Werk, sein Großvater und sein Urgroßvater auch. Der hat 1912 das Haus gebaut, in dem Schäfer heute noch wohnt.

Draußen startet gerade der rote, bald 20 Jahre alte Eisenacher IG-Metall-VW-Bus, ein Lautsprecher auf dem Dach, zu seiner Tour durch die Stadt. Mobilisierung. "Der Tag morgen", sagt Schäfer noch, bevor er los muss ins Werk, Trillerpfeifen unter die Leute bringen, "das soll keine Demo gegen General Motors werden. Das richtet sich an die Politik."

Es werden 1500 Leute kommen am Donnerstag, kein Vergleich zu den 10.000, die 1991 gegen das Ende der Wartburg-Produktion protestierten und die Autobahn blockierten, die durch Eisenach führt. Aber der Marktplatz wird voll sein. So voll, dass die Papptafeln nicht zum Einsatz kommen werden, denn die werden im VW-Bus liegen, und zu dem wird es kein Durchkommen geben.

Wie helfe ich mir selbst? In Ihlings Bestseller steht im Vorwort: "Dazu sind theoretische Kenntnisse, praktische Fähigkeiten und materielle Voraussetzungen notwendig." Zunächst seien diese "Kenntnisse, Fähigkeiten und Möglichkeiten sorgfältig, selbstkritisch und real einzuschätzen, damit keine Arbeiten begonnen werden, die nicht auch bis zum vorgesehenen Abschluss gebracht werden können".

Materielle Voraussetzungen. Schäfers materielle Voraussetzungen sind beschränkt. Trillerpfeifen, Pappplakate in einem alten VW-Bus. Aber was hätte er machen sollen, gar nichts? Und er hatte doch Erfolg am Donnerstag. Der volle Marktplatz, die Politik war da, SPD, Linke, die Ministerpräsidentin. Sie redeten und sie hörten zu, und sie versprachen, sich einzusetzen für Opel.

Hat Ihling, der Mann mit dem klaren Blick für das Vergangene und für das, was kommen wird, dessen Haus auf einer Garage ruht, sich an dieser Stelle geirrt? Werden die theoretischen Kenntnisse und praktischen Fähigkeiten der deutschen Politiker, von denen noch keiner auf einem Feldzug gewesen ist und nur wenige einen Staat haben untergehen sehen, das Desaster von Detroit aus Eisenach fernhalten können? Die nächsten Tage werden es erweisen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben