Zeitung Heute : Autor ohne Seil

Ulrich Rüdenauer

Etwas hat sich verrückt in dieser Prosa, ist durcheinandergewirbelt, aus der Luft gegriffen, zerbrochen und neu zusammengesetzt, gezwirbelt und aufgeplustert, wild herbeifantasiert und wie eine endlose Satzgirlande durch die Seiten gezogen. "Der ferne Klang", Gert Jonkes Roman aus dem Jahr 1979, der nun neu aufgelegt wurde, ist ein sprachlicher Hochseiltanz ohne doppelten Boden - und ohne Seil. Trotz der 23 Jahre, die seit seinem ersten Erscheinen vergangen sind, hat das Buch des österreichischen Sprachjongleurs nichts von seiner poetischen Waghalsigkeit und artistischen Verschrobenheit verloren.

Ein Mann erwacht in einem fremden Zimmer, irritiert von seiner ihm merkwürdig vorkommenden Umwelt. Was um ihn herum passiert, kleidet sich im Text in sprachliche Skurrilitäten. Nach und nach erfahren wir etwas von der absurden Situation des Mannes, eines Komponisten, der das Komponieren aufgegeben hat: Umbringen habe er sich wollen, woraufhin er in eine dementsprechende Spezialklinik eingeliefert wurde. Mit aller Beharrlichkeit weigert er sich aber, an seinen eigenen Selbstmordversuch zu glauben, und wendet einige kasuistische Tüchtigkeit auf, um den Klinikleiter von seiner absoluten geistigen Gesundheit zu überzeugen: "... Doktor, was ich damit andeuten will, ist nur das, ich würde, wollte ich mich umzubringen den Beschluß fassen, schon für die zermürbenden Vorbereitungsarbeiten eines meinerseitigen eventuellen Suizides wesentlich mehr Zeit benötigen, als mir in meinem Leben normalerweise ohnedies noch zur Verfügung stünde, weil ich mich immer mehr im Einzelheitengestrüpp der z. B. dazu nötigen Materialüberprüfungsstudien verfangen würde, denn was ich plane, plane ich gründlich, meist so gründlich, daß die Planung des Vorhabens das Vorhaben selbst erübrigt bzw. die Planungszeit auch noch über das Ende der Zeit eines solchen Vorhabens hinausreicht ... "

So geht es weiter und weiter, die Sätze schieben sich endlos und in komplizierten Windungen durchs Buch. In der Klinik ereilt den Helden aber nicht nur die eigene verdrängte oder verdrehte Vergangenheit, sondern ganz unvorbereitet auch die Liebe zu einer Krankenschwester. Seine erste Liebeserklärung an die junge Frau hat einen ganz eigentümlichen Klang: "Ich wäre glücklich, in deiner Verlorenheit ganz verloren mich geborgen ausgesetzt zu finden." Bei so einem kühnen Annäherungsversuch verwundert es nicht, dass Komplikationen auftreten. "SIE" ist plötzlich verschwunden, wovon sich der Held jedoch nicht irritieren lässt. Er türmt aus der Anstalt und macht sich auf die Suche nach der Angebeteten, die eine vor allem sprachlich abenteuerliche wird. Kurzzeitig schließt er sich einer Schauspiel-Truppe an, die per Zug zu ihrem nächsten Auftritt fahren möchte. Allerdings bewegt sich der Zug im Kreis und kommt Stunden später dort an, wo er abgefahren ist - was weder irgendwer bemerkt noch irgend jemanden zu stören scheint.

Erwartungsgemäß ist bei so viel inhaltlichem Leerlauf und poetischem Schaulaufen die Suche nach der Liebe aussichtslos, aber zumindest für den Leser nicht umsonst. Im Bild der Seiltänzerin, die sich allein durch ihre Vorstellungskraft das Seil erschafft, auf dem sie dann durch die Luft schreitet, kommt der Roman zu sich selbst. Der Autor ist gewissermaßen diese Seiltänzerin, die sich so glühend an ihrer Fantasie berauscht, dass sie gegen alle physikalische Logik nicht abstürzt. Was der Held sucht, das Unerfüllte, die Liebe, den fernen Klang, Jonke hat es gefunden: eine überdrehte Sprache, der nichts vertraut ist und die eine Welt aus dem Nichts erbaut.

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