AUTOR RICHARD WAGNER ÜBER SEINEN VERLAG : „Mao, sag was dazu! Vom einen und vom anderen Aufbau-Verlag“

Nachruf und Lobrede: Richard Wagner kam im Jahr 2000 in den Aufbau-Verlag und zieht Bilanz. Über den Verleger, mit einer Vergangenheit gemacht für den Boulevard und einem Hang zum Kommunismus. Und über die Frage, für welchen der Aufbau-Verlage er denn nun geschrieben hat.

Als ich im Jahr 2000 als Autor in den Aufbau-Verlag kam, war ich davon überzeugt, dass es nur den einen Aufbau-Verlag gibt, und zwar den, dessen Räume ich gerade betreten hatte. Der Verleger bekundete zwar schon damals, er habe den Verlag zweimal gekauft, aber so, wie er es sagte, hätte man annehmen können, dieser Doppelkauf sei eine zusätzliche Sicherheit für die Existenz des Unternehmens und nicht die Eröffnung eines fatalen Rechtskonstrukts.

Der doppelt gekaufte Verlag florierte zwar nicht, dafür brachte er interessante Bücher auf den Markt. Keine schlechte Konstellation für einen Autor, der sich über die Geschäftsgrundlage im Buchgewerbe längst keine Illusionen mehr machte. Ich hatte bereits zwei Verlagsinsolvenzen erlebt.

Die Situation war die: Der Verlag hatte ein Image, das an Tradition appellierte, der Verleger eine Vergangenheit, die mehr den Boulevard beschäftigen konnte als einen Borges. Irgendwie war er Maoist gewesen und irgendwie hatte er mit Immobilien ein Geschäft gemacht. Was hätte mich an beidem abschrecken können? Dass er gelegentlich im Fernsehen erklärte, dem Kommunismus anzuhängen? Hätte man als Doppelleben betrachten sollen, was bloß wie eine Simulation eines solchen daherkam? Und was hätte das geändert, an der Rechtslage, an der Realität? Hätte der Mann, der vom Geld zum großen Geld gekommen war, den Verlag nicht erworben, doppelt erworben, gäbe es diesen überhaupt noch? Wäre er nicht längst zu treuen Händen verschwunden? Dem vereinigten Erlebnisdeutschland ins Vergessen geraten?

Den Aufbau-Verlag gab es wohl immer schon irgendwie zweimal. Einmal als den Staatsverlag der DDR und einmal als den Verlag, der älter war als der Arbeiter-und- Bauern-Staat, und auch großzügiger. Das früheste Buch aus dem Aufbau-Verlag, das ich besitze, stammt von Ernst Niekisch. Es ist 1946 erschienen, drei Jahre vor der Gründung der DDR, und hat den Titel: „Deutsche Daseinsverfehlung“. Ein durchaus einmaliges Buch. Eine gewisse Einmaligkeit kennzeichnet auch den Aphorismus von Lichtenberg, den ich in einem Band aus dem Aufbau-Verlag des Jahres 1975 gefunden habe: „Es regnete so stark, dass alle Schweine rein und alle Menschen dreckig wurden.“

In welchem der beiden Aufbau-Verlage bin ich nun als Autor gewesen? In welchem bin ich jetzt? In dem von Niekisch und Lichtenberg? Und in welchem Verlag begegnete ich meinem Lektor Gunnar Cynybulk, dem Geschäftsführer René Strien und all den anderen, die meine Bücher auf den Weg gebracht haben? Es waren für mich, den Autor, acht erfreuliche Jahre, von den zunehmenden Launen der Buchhaltung einmal abgesehen.

Vielleicht gelingt es der Geschäftsführung ja doch noch, das einzigartige Label zu retten, trotz der Doppelrolle des Ex-Verlegers. Schön wäre es. Er ist als Mäzen auf der Flucht und als Gläubiger im Anmarsch. Und somit dabei, den einen Aufbau-Verlag zugunsten des anderen Aufbau-Verlags zu enteignen. Und zwar jenen, in dem die Autoren und die Verlagsangestellten sitzen, zum Vorteil dessen, der ein Rechtskonstruktsleben führt. Mao, sag was dazu!

Als Autor sollte man wissen, dass das Veröffentlichen, mehr noch als das Schreiben, ein Vabanquespiel ist. Ein Buch mehr, ein Buch weniger, was macht das schon aus in der rasenden Bibliothek dieser Zeit! Trotzdem: Der Aufbau-Verlag hat Bücher gemacht, die es ohne ihn so nicht geben würde. Auch nach dem Ende der DDR. Bücher von Klemperer, Bräunig, Pascal Bruckner. Dieses sollte eigentlich Anlass zur Lobrede sein und nicht für den Nachruf. Wenn es aber gleichzeitig als Lobrede und Nachruf gelesen werden kann, dann sagt die Doppelung auch etwas über die Zeiten aus, in denen sich das alles zuträgt. Treuhandzeiten. Mao-Zeiten. Immobilienzeiten. Ich aber stelle mir vor, ich lebe in der Buchzeit, deren Ende längst angekündigt ist und trotzdem nicht eintritt. So als hätte man uns vergessen. Uns, Autoren, Lektoren und Leser.

Richard Wagner, geboren 1952, ist mehrfach ausgezeichneter Autor und lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihm der Roman „Das reiche Mädchen“ im Aufbau-Verlag.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!