Zeitung Heute : Autoscooter fahren

Robert Ide

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Die kleine Frau im Blümchenrock war bestimmt 70 Jahre alt. Als das Lied „Sexy“ erklang, hob sie das rechte Bein, dann das linke. Ihr Blümchenrock wippte hin und her, sie begann zu tanzen. Auf der Bühne standen ein Gittarist und ein Sänger, sie spielten Lieder von Marius Müller-Westernhagen, es war Sonntagnachmittag. Vor der Bühne standen fünf Tische, an denen Menschen mit Bierkrügen und Currywürsten saßen. Und davor tanzte die kleine, alte Frau, rechtes Bein hoch, linkes Bein hoch. Ein großer Mann mit Schirmmütze, er war so um die 40, ging zu ihr vor. „Na Omi, wollen wir tanzen?“ Da spielte die Band noch eine Zugabe.

Stadtteilfeste sind etwas Besonderes. Man kann mit dem Autoscooter fahren oder auf einem Trampolin umherspringen. Man kann Blumentöpfe im Dutzend kaufen, Joghurt in riesigen Bechern oder kiloweise Fisch. Doch ein Stadtteilfest ist für mich nicht nur Rummel. Es ist auch ein Bummel durch meine Vergangenheit.

Früher war ich mit meiner Familie regelmäßig bei Stadtteilfesten – schon aus Gründen der Genussmittelversorgung. Beim „Weißenseer Sommer“ gab es oft Erdbeeren, beim „Fest an der Panke“ Negerküsse und beim „Rosenthaler Herbst“ Melonen. Wenn die Eltern etwas Seltenes erstanden hatten, machte dem Sohn das Karussellfahren doppelt so viel Spaß.

Inzwischen gibt es überall alles zu kaufen. Da ich aber auch bei diesem Fest an der Panke etwas Besonderes kaufen wollte, habe ich mich mit Weihnachtsköstlichkeiten eingedeckt. Eine große Zuckerwatte, eine Tüte voller Nüsse und ein Paradiesapfel mit rotem Zuckergussüberzug wanderten gleich an diesem Sonntagnachmittag in meinen Magen. Und – beim Autoscooterfahren – ein paar Maoams.

Als die Band zum Abschluss das Lied „Freiheit“ anstimmte und die kleine Oma und der große Mann Arm in Arm umhertanzten, wollte auch ich zur Bühne stürmen. Doch ich konnte mich nicht bewegen. Die neue Konsumfreiheit hatte mir den Magen verdorben.

Das nächste Stadtteilfest findet am Wochenende in der Reichsstraße in Charlottenburg statt. Als Bands sind angesagt: UKW, Hubert Kah und die Cool Cats.

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