Zeitung Heute : AVISCHAI BRAVERMAN

aus Tel Aviv, geboren am 15. Januar 1948 in Ramat Gan

„Ich bin vor zwei Jahren in die Politik gegangen, weil ich glaube, dass Israel sich verändern muss. Wir versagen in der Bildungspolitik. Unsere Regierung ist mit Bürokratie überfrachtet. Und die jungen Menschen verlassen die kleinen Städte in Scharen, um in Tel Aviv, Jerusalem oder im Ausland zu leben. Als Abgeordneter der Arbeiterpartei „Avoda“ in der Knesset, dem israelischen Parlament, will ich dagegen kämpfen. Denn anders als früher halte ich es nicht mehr für selbstverständlich, dass der Staat Israel überleben wird. Die Bedrohungen von außen wie zum Beispiel durch den Iran werden wir zwar bezwingen. Die echten Herausforderungen aber liegen mittlerweile im Innern unseres Landes: Jahrzehntelang haben wir uns nur um den Friedensprozess und die Sicherheit gekümmert – und dafür die Bildungsmisere ignoriert und Reformen vernachlässigt. Ich war 16 Jahre lang Direktor der Ben-Gurion-Universität am Rande der Negev-Wüste. Unter meinen Studenten – jüdische und arabische Israelis sowie Beduinen – habe ich so viele Talente gesehen. Dieses enorme Potenzial müssen wir nutzen und in unserem Land halten: durch attraktive Arbeitsplätze und ein gerechtes, moralisches und effizientes politisches System. Israel darf kein mittelmäßiges Land sein. Meine Eltern kamen Ende der 30er Jahre aus Litauen und Polen hierher. Sie waren sehr moralische, gute Menschen und haben ihr Leben lang hart gearbeitet. Sie haben alles für mich getan und dafür auf eine eigene Karriere verzichtet. Als Ökonom habe ich 14 Jahre für die Weltbank gearbeitet, war dann Universitätsdirektor, nun Politiker. Das alles habe ich meinen Eltern zu verdanken. Sie verkörpern für mich den Wunsch und die Kraft, ein starkes Israel aufzubauen. Der Großteil meiner Familie wurde von den Nationalsozialisten ermordet. Trotzdem kommen einige meiner besten Freunde aus Deutschland. Für mich zählen heute die persönlichen Begegnungen mit Deutschen – auch wenn der Holocaust nie in Vergessenheit geraten darf, weder in Europa noch anderswo. Er wird immer Teil unserer Identität bleiben.“

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