babbel.com : Weltweites Klassenzimmer

Wie ein Portal zum Erlernen von Sprachen von Kreuzberg aus den internationalen E-Learning-Markt erobern will

Jörg Oberwittler
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Es hat mich einfach früher als Nutzer gewurmt, dass man im Internet überhaupt nicht richtig Sprachen lernen konnte.“
Lorenz Heine, Geschäftsführer babbel.com



Sie haben bisher noch keinen Cent verdient – und sind doch eines der derzeit erfolgreichsten Startup-Unternehmen aus Berlin: die Macher von babbel.com, die im Januar den ersten Geburtstag des Online-Portals feierten. Denn im World Wide Web herrschen andere Spielregeln.

Vor allem in der Startphase ist hier die Zahl der Nutzer neben einem guten Konzept eine der wichtigsten Währungen – und die hat die Internetplattform fürs Sprachenlernen bereits im zweiten Geschäftsjahr reichlich. Mehr als 200 000 registrierte User aus aller Welt surfen die Seite an, um hier Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch oder Italienisch zu lernen. Kostenlos. „Inzwischen sehen wir uns schon als Markt-Zweiter“, sagt Markus Witte (38), einer der vier Gründer, der mit Wollpulli, wildem Lockenkopf und eckiger Brille so gar nicht wie ein klassischer Geschäftsführer aussieht. Zum Vergleich: Der Branchen-Primus „Livemocha“ aus den USA hat derzeit rund eine Million Mitglieder.

Dass Witte trotz der fehlenden Einnahmen ruhig schlafen kann, liegt an den namhaften Gesellschaftern, die hinter dem Projekt stehen: zum einen der VC Fonds Berlin, zum anderen die Gründer des Internetportals web.de, die mit dem Verkauf Millionen verdient haben und nun in erfolgversprechende Internetprojekte investieren. Die Gesellschafter seien nötig, erklärt Witte, weil die typische Ertragskurve einer Internetfirma immer die Form eines Hockeyschlägers habe: In der Wachstumsphase geht sie steil nach unten, und wenn die Reichweite groß genug ist, schnellt sie nach oben.

Für die lukrative, aber auch riskante Internetbranche hat Witte seinen sicheren Posten als Führungskraft vor zwei Jahren aufgegeben: „Nach Jahren der Festanstellung wollte ich einfach etwas Neues wagen und die Gelegenheit nutzen, in so einem kreativen Team zu arbeiten.“

Quasi als Quereinsteiger im E-Learning-Markt gründeten die vier daher im August 2007 die Firma Lesson Nine, die den Start von „babbel“ vorbereitete. „Es hatte mich einfach damals als Nutzer gewurmt, dass man im Internet überhaupt nicht richtig Sprachen lernen konnte“, erklärt Mitbegründer Lorenz Heine. Er sah die vielfältigen Möglichkeiten, die das Internet fürs Lernen bietet, nicht optimal genutzt. In mehreren Online-Übungen können die Nutzer auf der Seite in ihrem jeweiligen Lerntempo und anhand von Bildern und Audio-Dateien die fünf Sprachen erlernen, sich per Chat unterhalten oder quer über den Globus Partner für Sprachtandems finden.

Mittlerweile hat die Firma zehn Festangestellte und 13 freie Mitarbeiter, wie zum Beispiel Sprachlehrer, die von ihren Rechnern zu Hause neue Vokabelpakete einstellen. Trotz attraktiver Fördermodelle im Nachbarland Brandenburg haben sich die Gründer für Berlin als Standort entschieden. „Hier in Kreuzberg konnten wir Muttersprachler in fünf Sprachen und engagierte Mitarbeiter einfach am besten finden“, sagt Witte. Zudem habe Berlin gerade im englischsprachigen Ausland einen exzellenten Ruf und hohen Coolness-Faktor. „Das kommt uns ebenfalls zugute.“

In einer schlichten Altbauwohnung nahe der Möckernbrücke sitzen seitdem Geschäftsführung, Marketing und Content-Management dicht an dicht und grübeln über neue Angebote für die Seite. Hinter der Küche verbirgt sich die „Entwicklungs-Abteilung“. Acht Leute starren hier konzentriert auf ihre Rechner. Es klickt, klackert und surrt. Derzeit basteln sie an kostenpflichtigen Zusatzdiensten für die Seite. Denn im Gegensatz zu anderen Web-Formaten setzt „babbel“ nicht auf Werbung als Einnahmequelle, sondern auf User, die bereit sind, sich einen besseren Service – wie etwa stärker strukturierte Lern-Lektionen mit Grammatik und Länderinformationen – auch etwas kosten zu lassen. „Unsere Kernzielgruppe sind junge Erwachsene, die ihre Fremdsprachen-Kenntnisse auffrischen wollen“, sagt Witte. Aber auch viele Senioren würden auf die Seite klicken, um sich geistig fit zu halten.

E-Learning sei mittlerweile mehr als nur eine Multi-Media-Spielerei, sagen die Gründer. Mit der Verbindung von Bild, Ton und Schrift biete es ideale Voraussetzungen, um Sprachen zu erlernen. „Bisher haben wir bewiesen, dass es für unser Geschäftsmodell einen großen Bedarf gibt“, sagt Markus Witte. „In den kommenden Monaten wollen wir nun zeigen, dass man auch davon leben kann.“

www.babbel.com

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