Zeitung Heute : Babel & Co: Bruno Preisendörfer gehen Textzeilen auch mal unter die Haut

Was fällt Ihnen zu "Liebling Kreuzberg" ein? Zuallererst natürlich Manfred Krug, gerade frisch gekürter Lieblings-Kommissar der "Tatort"-Reihe. Aber das gehört in die Filmkolumne. Oder der singende, klingende Manfred Krug mit seiner Jazz-Kapelle? Das gehört in die Jazz-Kolumne. Wir schubsen den Krug jetzt mal von der Bühne, wird ihm schon nicht den Henkel abbrechen. Also noch mal: "Liebling Kreuzberg", wer war literarisch daran schuld? Denken Sie an Frank Beyer. War das nicht der Regisseur von "Spur der Steine", und da hat doch der Krug. Hat er, ja. Aber Frank Beyer war auch der Regisseur von "Jakob der Lügner". Und da hat der Krug nicht. "Jakob der Lügner" war der erste Roman des 1997 gestorbenen Autors Jurek Becker, und der hat eben auch das Drehbuch zu "Liebling Kreuzberg" - wie? Das wussten Sie schon die ganze Zeit? Na dann. Falls Sie aber noch mehr wissen wollen, können Sie heute um 20 Uhr in der Literaturwerkstatt Beckers Biografen Sander L. Gilman begegnen und mit ihm vielleicht über eine herzlose Armanda und irregeführte Behörden diskutieren. Den literarischen Rang von "Jakob der Lügner" hat Becker aber nicht mehr erreicht.

"Kleine Aster" gefällig: "Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt./ Irgendeiner hat ihm eine dunkelhelllila Aster/ zwischen die Zähne geklemmt./ Als ich von der Brust aus/ unter der Haut/ mit einem langen Messer/ Zunge und Gaumen herausschnitt,/ muss ich sie angestoßen haben, denn sie glitt/ in das nebenliegende Gehirn./ Ich packte sie ihm in die Brusthöhle/ zwischen die Holzwolle,/ als man zunähte./ Trinke dich satt in deiner Vase!/ Ruhe sanft,/ kleine Aster!" Das war Gottfried Benn. Morgen um 20 Uhr findet im Forum der DG Bank am Pariser Platz der vierte von sechs Leseabenden zum Thema "Berlin im 20. Jahrhundert" statt, mit Texten von Brecht, Grass, Seghers, zweimal Mann und einmal Benn. Das Autopsie-Blümchen hat natürlich mit dem Thema Berlin nichts zu tun, wohl aber mit etwas, was zur Zeit Thema in Berlin ist. Denn wie nicht anders zu erwarten erregt die "Körperwelten"-Ausstellung die Gemüter. Die Reaktionen reichen von Begeisterung bis zu Maßnahmen der Zwangsbebetung: Morgen um 18 Uhr findet beispielsweise in der Akademiekirche St. Thomas von Aquin ein katholisches "Requiem für die Toten der Ausstellung" statt.

Weil gerade das Gedicht eines Arztes zitiert wurde, soll der Link der Woche auf eine "Gedichteklinik" verweisen. Unter www.federwelt.de seziert Jane Hegers lyrische Proben, die man per Mail einsenden kann. Die Diagnosen, die sie abgibt, sind charmant und intelligent. "Federwelt" bietet auch noch andere Leistungen. Aber klicken Sie selbst.

Lesen Sie gern? Hören Sie gern Musik? Gehen Sie gern Bildergucken? Aber: Haben Sie schon mal was von "signifikanter Mehrschichtigkeit" gehört, oder von "strukturalen Varianten", vom "formalen Totalitätsaspekt" oder von "Kunst als Verfahren"? Nein? Sie kennen nur den Geschmack, über den man nicht streiten kann? Der Jammer ist nur, dass man sich eben doch dauernd darüber streitet. Nehmen wir nur mal die "Anatomiekunst" der "Körperwelten". Aber dieses Stichwort kommt in dem monumentalen Wörterbuch, auf das ich hinaus will, wahrscheinlich gar nicht vor. "Ästhetische Grundbegriffe" heißt der Lexikon-Dino, der heute um 20 Uhr im Literaturforum vorgestellt wird. Mit von der Partie sind Eberhard Lämmert, grand old man der Berliner Literaturwissenschaft, und Wolfgang Thierse, Sie wissen schon.

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