Zeitung Heute : Babylonisch lernen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Stephan Wiehler

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Emma wächst zweisprachig auf. Meine Frau spricht ausschließlich italienisch mit ihr, ich versuche, mich dem Kind auf deutsch verständlich zu machen. Was Emmas eigene Lautäußerungen angeht, lässt sich bisher schwer beurteilen, was sie sagen will. Ich vermute, sie spricht babylonisch, so wie alle Kinder im Alter von sechseinhalb Monaten. Erst als Vater ist mir klar geworden, welchen Verlust es für die menschliche Kultur bedeutet, dass wir diese gemeinsame Ursprache irgendwann alle verlernen und uns Zeit unseres Erwachsenenlebens wegen Übersetzungsfehlern in Speisekarten und Regierungserklärungen in die Haare kriegen müssen.

Aber auch wenn mir Emmas geheimnisvolles Kauderwelsch ein Rätsel bleibt, höre ich ihr gerne dabei zu, wenn sie in ihrem Babysitz mit nachdenklich zusammengezogener Stirn zum Gebrabbel endloser Dada-Mantras ansetzt und neue neuronale Synapsen knüpft. Ich habe beobachtet, dass die kindliche Sprachentwicklung sehr früh einsetzt. Im Anfang war das Wort, heißt es im Johannes-Evangelium. Emmas erstes Wort hieß Eeeääää, ein angestrengt herausgepresstes Quengeln unmittelbar nach der Geburt. Sehr schnell legte sie an Lautstärke zu, und nach vielleicht zehn Tagen gelang ihr der erste Konsonant: ein Ghh, das sie ihrem Weinen als kunstvolles Anhängsel beifügte, vermutlich um ihrem Bedürfnis Nachdruck zu verleihen. Das klang dann etwa so: Ääääää – äääää – gh. Wenig später variierte sie ihr Klagelied und schloss es mit einem wehmütigen -le, ausgesprochen wie der männliche Artikel im Französischen: Ääääää – äääää – le. Niemand hatte jemals mit Emma Französisch gesprochen.

Emma hat mir bewusst gemacht, dass Sprache ursprünglich Ausdruck des reinen Verlangens ist, und dass unsere ganze wortgewaltige Zivilisation – Goethes Werke, die Charta der Menschenrechte, die Bedienungsanleitung für das Mobiltelefon oder ein x-beliebiges Gespräch über das Wetter – letztlich einen gemeinsamen Ursprung haben: den Schrei nach Nahrung und Liebe.

Das mag keine neue Erkenntnis sein, aber Emmas unmissverständliche Art, die Dinge beim Namen zu nennen, weckt in mir die Sehnsucht, babylonisch zu sprechen. Einfach mal laut drauflos zu heulen, morgens in der Bäckerei, wenn kein Kastenweißbrot mehr zu haben ist. Einen Streit mit einem Schreikrampf zu beenden statt mit Argumenten oder fadenscheinigen Ausreden. Ich wünschte, ich könnte mich so klar ausdrücken.

Emma hat ihr Mitteilungsvermögen längst erweitert. Mit Vorliebe steckt sie sich beim Sprechen einige Finger oder auch die ganze Hand in den Mund und brabbelt Dinge wie N-lelele, G-lelelele, N-llalala – und lacht über ihren eigenen Sprachwitz. Letzte Woche hat sie Babababa gesagt und mich dabei lange angesehen. Langsam beginne ich sie zu verstehen. Das gibt mir Trost.

Wenn Ihnen nach Reden, Weinen oder auch Schreien zu Mute ist, können Sie die zentrale Berliner Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle (sekis) unter Telefon 892 66 02 anrufen. Sie unterstützt auch beim Aufbau einer eigenen Gruppe, falls es für Ihre Bedürfnisse noch nicht das Richtige gibt. Informationen im Internet: www.sekis-berlin.de

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