Babysimulator für Minderjährige : Warnung vor dem Kind

Die einen kriegen ihre Kinder zu spät oder gar nicht, die anderen „zu früh“. Für die einen, gerne Akademikerinnen, gibt es Elterngeld, damit sie es sich noch einmal überlegen. Für die anderen, Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren, gibt es Elterntraining mit einem Babysimulator. Auch sie sollen sich das mit ihrem Kinderwunsch noch einmal überlegen – und ihn verschieben.

Ein Babysimulator ist eine lebensechte Puppe, die über einen Chip im Bauch so programmiert werden kann, dass sie „schreit“, um Hunger, eine volle Windel oder den Wunsch nach Zuneigung anzuzeigen. Die Jugendlichen, die am Elterntraining teilnehmen, zu mehr als 80 Prozent Mädchen, sollen die Puppe vier Tage lang „umsorgen“. Sämtliche Reaktionen auf das Puppen-Gebrüll werden über ein elektronisches Armband aufgezeichnet.

Die Oldenburger Pädagogikprofessorin Anke Spies kritisiert die derzeit rund 500 Projekte in Deutschland, die die Baby-Puppe einsetzen. „Das Projekt Babysimulator ist darauf ausgerichtet, dass die Mädchen an den Anforderungen scheitern“, schreibt sie über ihre Studie „Zwischen Kinderwunsch und Kinderschutz“. Die Professorin kritisiert, dass neben einer belastenden Situation auf dem Arbeitsmarkt durch die Simulation auch „familiäre Perspektiven in Zweifel“ gezogen würden. Sie wünscht sich, dass „biografische Verläufe mit früher Elternschaft normalisiert“ werden. Spies kritisiert zudem, bevorzugt würden „Mädchen in niedrig qualifizierenden Bildungsgängen mit dem Simulator konfrontiert“.

Diese Kritik findet Daniela Veith vom Sozialdienst katholischer Frauen (SKF) in Koblenz „sehr einseitig“. Dort sind die Puppen seit 2003 im Einsatz. Veith sagt: „Wir wollen nicht das Scheitern üben.“ Ihr gehe es darum, den Jugendlichen eine „Vorstellung zu geben, was es heißt, mit 14 Jahren Mutter zu sein“. Zudem würden die Teilnehmerinnen pädagogisch begleitet. Sie seien nach dem Elterntraining besser über Verhütung und über Hilfen informiert, wenn sie doch früh schwanger werden.

Auch Edith Stemmler-Schaich, die mit der Firma „Babybedenkzeit“ die Simulatoren-Puppen aus den USA in Deutschland vertreibt, berichtet von „überwiegend positiven Rückmeldungen“. Ein Babysimulator mit Zubehör kostet zwischen 1020 Euro (mit Batterien) und 1185 Euro (wiederaufladbar). Bei „Babybedenkzeit“ gibt es Puppen, mit denen das für Babys lebensgefährliche Schütteltrauma simuliert werden kann (995 Euro), ein alkohol- und ein drogengeschädigtes Säuglingsmodell. Zudem gibt es für 750 Euro eine Schwangerschaftssimulationsweste. Über deren pädagogischen Nutzen gibt es aber noch keine Studie.

Vielleicht wären die Defizite im Umgang mit Babys auch anders zu überwinden. Zum Beispiel in einem Babysitterkurs beim Roten Kreuz. deh

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