Zeitung Heute : Backfabrik Prenzlauer Allee: Der Gebäudekomplex wird instand gesetzt und soll "innovative" Firmen beherbergen

Harald Olkus

Schon seit Jahren werden im ehemaligen Backwarenkombinat an der Prenzlauer Allee keine Brötchen mehr gebacken. Auf dem Fußboden der großen Fabrikhalle im zweiten Stock liegen noch die Rollen mit bedruckter Plastikfolie für "Drei-Korn-Toast". Die Backstraße daneben ist reif für den Schrott.

Seit einigen Jahren gammelt das Gebäude vor sich hin. Großbäcker Horst Schiesser hatte das Kombinat von der Treuhand gekauft, um es als Backfabrik weiterzuführen, aber nicht lange durchgehalten. 1997 wurde der Komplex unter Zwangsverwaltung gestellt. Anfang des Jahres hat Hargen M. Bartels das Gebäude für einen "einstelligen Millionenbetrag" erworben. Nach eigenen Angaben ist er mit seiner Firma "Real Estate Merger & Management" (R.E.M.M.) der größte Eigentümer von Liegenschaften in Prenzlauer Berg. Sein Schwerpunkt waren bisher Wohngebäude. Doch seit "die Dinge im Gewerbebereich wieder aufwärts gehen", hat er seinen Geschäftsbereich um eine Gewerbeimmobilie erweitert.

Er will aus der ehemaligen Backfabrik ein Bürohaus für die Medienbranche machen. Die Lage sei ideal: direkt auf der Grenze zwischen Mitte und Prenzlauer Berg, fast gleich weit zu den Hackeschen Höfen und dem Kollwitzplatz. Und dann ein Altbau: "Medienbetriebe wollen keine Ritter-Sport-Architektur", ist sich Bartels sicher.

Am 1. Oktober soll mit der Sanierung des Komplexes begonnen werden. Schon im April 2001 sollen die ersten 5000 Quadratmeter beziehbar sein. Auf dem 10 000 Quadratmeter großen Grundstück befinden sich 20 000 Quadratmeter Geschossfläche in fast hundertjährigen Altbauten. Hier produzierte "Aschingers Bierquellen AG" Erbsensuppe mit Bockwurst und Schrippen und kühlte das Bier für die Filialen.

Weitere 5000 bis 7000 Quadratmeter Geschossfläche sollen in einem Neubau an der Prenzlauer Allee entstehen. Architekt für den Um- und Neubau ist der Schweizer Marc Kocher. Der Mitarbeiter des verstorbenen Aldo Rossi sei der richtige, um "die klassische Fabrikarchitektur der Backfabrik mit südländischer Dynamik zu verbinden", sagt Claus Neuerburg, der das Objekt richtig am Markt platzieren soll. Denn der Eigentümer will den Erfolg der "Backfabrik.de" nicht dem Zufall überlassen. Die Wahl des Architekten ist dabei genauso wichtig wie das Marketing-Konzept. Denn im Gegensatz zur derzeit auf dem Berliner Gewerbeimmobiliensektor üblichen Praxis, mit den Bauarbeiten erst dann zu beginnen, wenn bereits ein Großteil der Flächen vermietet ist, sind in der "Backfabrik.de" noch alle Flächen frei.

Die Nachfrage sei groß, sagt Hargen M. Bartels, aber es soll auch die richtige Mischung sein. Deshalb will man das Gebäude mit Events wie einer Fritz-Radio-Party zur Love-Parade an diesem Wochenende bei den gewünschten Mietern bekannt machen: kleinen und größeren Unternehmen aus den Bereichen Internet, Werbung, Film und Fernsehen.

Ihnen soll ein ansprechendes Ambiente für die Arbeit geboten werden. Raumgrößen von 250 bis 1300 Quadratmetern, viel Licht, verputzte Kachelwände und bis zu fünf Meter 80 hohe Decken ergeben einen typischen Loft-Charakter. Flexible Raumgrößen und an der Decke verlaufende Kabel sollen die richtigen Voraussetzungen bieten für die sich rasch ändernden Flächenbedürfnisse der anvisierten Zielgruppe.

Vorne an der Prenzlauer Allee, wo jetzt noch eingeschossige Schuppen stehen, in denen der "Club Casino" Techno und House spielt, plant Architekt Marc Kocher über einer Tiefgarage einen Neubau, der sich "stilistisch an den Bestandsgebäuden orientiert". Ebenso wenig wie der Altbau wird er sich an die Berliner Traufhöhe halten und somit den "Eingang" zu Prenzlauer Berg markieren. Lichtskulpturen auf den Dächern sollen diese Funktion noch zusätzlich betonen. Das Genehmigungsverfahren für den Neubau ist noch nicht abgeschlossen, weshalb auch die Größe des Gebäudes noch nicht feststeht. Hier will Bartels künftig kleinere Räume ab 70 Quadratmetern anbieten, geeignet für Start-up-Unternehmen aus der IT-Branche. Derzeit laufen noch Verhandlungen mit dem Bezirk über Mietsubventionen für Existenzgründer.

Zwischen dem Alt- und dem Neubau ist ein offener Innenhof mit Brunnen und Gastronomie vorgesehen. Rund um den Hof im Erdgeschoss sollen Läden und Dienstleister die bis zu 1300 Menschen versorgen, die in dem Komplex arbeiten können. Unter den Bestandsgebäuden befinden sich weitläufige Eis- und Luftschutzkeller, die zum Veranstaltungsort ausgebaut werden sollen. Die Mietpreise für die Büroflächen liegen je nach Lage und Nutzung zwischen 25 und 32 Mark pro Quadratmeter. Die Gesamtkosten für Sanierung und Neubau belaufen sich auf rund 110 Millionen Mark.

Hargen M. Bartels möchte auch das benachbarte ehemalige "Kaufhaus Jonas" an der Torstraße / Ecke Prenzlauer Allee kaufen. Dort residierte nach 1945 das ZK der SED. Doch bislang seien die Preisvorstellungen der in Israel lebenden Alteigentümer noch nicht akzeptabel.

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