Zeitung Heute : Bad Bitterfeld

Echt ätzend: Dieser Ort war bis zur Wende berüchtigt für seine verschmutzte Umwelt. Doch bald sollen in den Giftlöchern von einst die Touristen baden und segeln.

Hans Zimmermann liebt Bitterfeld. Besonders, wenn er auf seinem Motorrad die Stinketour fährt – eine Route, die vom Stadtzentrum in Richtung Industriegebiet führt, auf der es in Vorwendezeiten an jeder Ecke anders stank, nach Industrieabgasen an der einen, nach Ammoniak an der nächsten. Zimmermann liebt die Tour, weil heute, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, keine schädlichen Gerüche mehr in der Nase brennen. Und statt der Industriewüste ein See am Ende der Strecke liegt, der Goitzschesee. Im Oktober stand Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) am Ufer und lobte „die gesunde Luft, die gesunden Böden“. Das hätte 1990 niemand erwartet.

Bitterfeld im südlichen Sachsen-Anhalt, 15 000 Einwohner, hochsaniert und leergewohnt, mit dem benachbarten Wolfen 2007 vereinigt. In den 70er Jahren lebten noch doppelt so viele Menschen hier, aber die Stadt stand wie keine andere für Kohleabbau, Schmutz und Chemieindustrie. Vor dem Krieg war die Goitzsche, eine Senke im Südwesten, ein Naturschutzgebiet. Der riesige Wald musste Anfang der 50er Jahre mitsamt einigen Dörfern dem Kohlentagebau weichen. Als der Abbau nach der Wende eingestellt wurde, beschloss das Land, das 13 Quadratkilometer große Loch zu fluten. 1998 ging es los, 2008 sollte das Projekt beendet sein. Es dauerte nur bis 2002, das Jahrhunderthochwasser erreichte die Mulde, und in Bitterfeld war man froh, dass das Wasser dorthin abfließen konnte.

Zimmermann stand 1990 oft an der Senke. Als Bürgerrechtler und Abgeordneter der einzigen demokratisch gewählten Volkskammer zeigte er vornehmlich CDU-Politikern, damals noch Parteifreunde, wie sehr Chemie und Tagebau eine Landschaft verstümmeln können. Kanzler Kohl kam. International Furore machte dann aber ein anderer Besuch. Die Hollywoodschauspielerin und Umweltaktivistin Jane Fonda besuchte Bitterfeld im Februar 1990, es war die Zeit, als der Ruf der „schmutzigsten Stadt Europas“ in die Welt getragen wurde.

Vielleicht stand Fonda an derselben Stelle, an der Zimmermann nun seine 125er-Suzuki zum Stehen bringt und in jene Richtung zeigt, in der sich die bescheidene Skyline Bitterfelds am Ende des Sees abzeichnet. Hier, auf dieser Seite, bauen Biber ihre Dämme, erzählt er. Vielleicht stand Jane Fonda damals hier im Schlamm, bekleidet mit Gummistiefeln und einem Parka, statt des Sees breitete sich vor ihr eine Grube aus, bis zu 90 Meter tief. In der Senke sammelten sich die giftigen Gase der Bitterfelder Chemiebetriebe, ab und an zog von dort eine riesige Wolke in die Stadt hinüber. Die Fonda, so Hans Zimmermann im Rückblick, „war ehrlich betroffen“. Weil sie merkte, wie ihre Nasenlöcher brannten, und wusste, dass die Bitterfelder das seit Jahrzehnten erdulden müssen.

Zimmermann trägt einen langen weißen Bart und zum dünnen Zopf gebundenes Haar. Er sieht aus wie der Weihnachtsmann. Jahrelang spielte er den auch für Bitterfelder Kinder, manche Menschen nennen ihn heute noch so. Zimmermann mag das. Er wurde 1948 in der Stadt geboren, als noch der Goitzschewald stand. Als Kind pflückte er in der Goitzsche sonntags Margeriten, um sie dann auf dem Markt in der Stadt in Taschengeld zu verwandeln. Nicht lange konnte er das tun, dann kam der Tagebau. Auf der einen Seite der Stadt die Grube, der Chemiepark auf der anderen, er schloss sich direkt an die Orwo-Filmfabrik der Nachbargemeinde Wolfen an. Bitterfeld wurde von der Industrie regelrecht umzingelt.

Der junge Zimmermann wurde Chemielaborant. Im Betrieb holte er sich „jeden Tag eine andere Verätzung“, Arbeitsschutz hatte keine Priorität. Deshalb suchte er sich Anfang der 70er Jahre eine neue Arbeit als Klempner und verschliss sich seine Gelenke. Seiner neuen Liebe und heutigen Frau wollte er damals zeigen, wo er als Kind Margeriten gepflückt hatte. Er wusste von diesem Tagebauloch vor seiner Stadt, aber als er es zum ersten Mal sah, schoss ihm nur ein Gedanke durch den Kopf: „Was ist hier eigentlich los?“

Aus dieser Frage erwuchs eine Haltung. Hans Zimmermann engagierte sich als Umweltaktivist, umso entschlossener, als sein Sohn an der Atemwegskrankheit Pseudokrupp erkrankte. Er schickte Eingaben an die Bezirksverwaltung, wegen der Flugasche, die an manchen Tagen die ganze Stadt unter sich begrub. „Sofort aufhören!“ lautete seine Forderung. Er fand zwar wenig Gehör in der Verwaltung, provozierte aber die Aufmerksamkeit der Staatssicherheit, die im Laufe der Jahre eine 3628 Seiten dicke Akte über ihn anlegte.

In den 80er Jahren suchte Zimmermann Gleichgesinnte, fand sie im Berliner „Netzwerk Arche“, einer kirchlichen Ökobewegung. Er drehte 1988 illegal mit einem westdeutschen Journalisten den Film „Bitteres aus Bitterfeld“, der wenig später im Westfernsehen ausgestrahlt wurde. Die Zuschauer konnten gelben Rauch sehen, der aus den Schornsteinen quoll, verdreckte, fast dickflüssige Gewässer und Fässer mit Totenkopf-Aufdrucken, die in der Landschaft verstreut umherlagen.

Sein Engagement dankten ihm die Bitterfelder, als sie ihn 1989 für die CDU in die Volkskammer wählten. Ein Jahr später wurde er von seinen Parteifreunden abgewählt, ein anderer zog für ihn in den Bundestag. „Als die Gierigen kamen“, sagt Zimmermann, war es für ihn vorbei mit der Politik. Um seine Stadt kümmerte er sich weiter, vor allem um die geliebte Goitzsche.

Die Asche verschwand im Laufe weniger Jahre, im Chemiepark steht heute ein weitgehend schmutzfreies BASF-Werk, Kohle wird nicht mehr gefördert. Früher gab es eine sechsspurige Straße zum Industriegebiet. Heute ist sie auf zwei Spuren verkleinert, in der Mitte gibt es drei Parkplatzreihen, an beiden Rändern führen Radwege entlang. Viel Verkehr gibt es nicht. Manchmal sieht sie wie eine Geisterstraße aus.

Ist es diese Stille, die sich Zimmermann wünschte, als er von der Bezirksverwaltung forderte, sofort aufzuhören? Wollte er dieses Bitterfeld, das wirkt wie ein Kurort ohne Kurgäste? Hans Zimmermann, der kurz zuvor im Gespräch noch davon redete, wie sehr er in der DDR um seine Freiheit fürchten musste, wirkt nicht richtig glücklich, spricht er über die Stadt, wie sie heute ist. Er war kein Fundamentalist, erklärt Zimmermann, er wollte nicht, dass fast die gesamte Industrie aus Bitterfeld abzieht – und mit ihr die Menschen abwandern. Rücksicht auf die Natur, das hätte ihm gereicht.

Handwerker, die nicht nur in Bitterfeld sanieren, sondern sich auch hier niederlassen möchten, warum habe es für sie nichts gegeben, fragt er. „Man sagte uns, wir sollen global denken. Und schon waren die Firmen ins Ausland verschwunden.“ Zimmermann hat sich mit der neuen Stadt noch nicht versöhnt, die sich den Slogan „Wir haben den Bogen raus“ gewählt hat. Die zwar eine relativ geringe Arbeitslosigkeit von neun Prozent vorzuweisen hat, aber in der 27 Prozent aller Bürger älter als 65 Jahre sind – und das Durchschnittsalter von 47 Jahren steigt. Für die meisten Politiker sei er ein „Nestbeschmutzer“, meint Zimmermann. Weil er, jetzt, wo es um die Goitzsche geht, schon wieder sagt: Aufhören!

Während also der Umweltschützer Zimmermann gerade die Fortschritte beim Dammbau der Biber beobachtet, schaut Lutz Bernhardt von der anderen Seite auf den See. Bernhardt, mit gegelten, leicht angegrauten Haaren und Schnauzer, fährt genauso gerne wie Zimmermann um die Goitzsche, allerdings in seinem Jeep. Er passt mit seiner frischen Urlaubsbräune gut in das Ferienressort, das er als Chef der städtischen Entwicklungs-, Betreiber- und Verwertungsgesellschaft Goitzsche (EBV) verwaltet. Hunderte Arbeitsplätze seien durch die Anlage entstanden, die Suche nach Investoren ist allerdings schwer, räumt Bernhardt ein. Der Ruf Bitterfelds sei durchaus ein Handicap.

Trotzdem sind, so gibt er an, 430 000 Besucher im vergangenen Jahr an den See gekommen. Problematisch sei nur, dass die meisten nicht lange blieben, Hotels und Pensionen kaum von ihnen profitieren. Da können sie den kleinen Hafen noch so vornehm Marina nennen, kann das Vier-Sterne-Hotel mit „spritzigen Cocktails“ werben und die Ferienhaussiedlung mit roten Holzverkleidungen. Die parkenden Limousinen haben alle örtliche Kennzeichen. Nur Leute aus der Region kaufen ein Haus am See.

Aber das nächste große Ding ist bereits geplant. Hinter der Mole, auf dem Wasser, soll ein schwimmendes Hotel entstehen, knapp 30 Millionen Euro kostet das „Aqua-Hotel“ mit der Bernstein-Erlebniswelt den privaten Investor. Gäste können am Boden des Sees nach Bernstein tauchen, der hier 1974 entdeckt und bis 1993 abgebaut wurde.

Als Chef wird das Lutz Bernhardt nicht mehr erleben. Er ist inzwischen 65, geht demnächst in den Ruhestand. Seit 40 Jahren lebt der gebürtige Sachse in Bitterfeld, arbeitete zunächst in der Filmfabrik, die touristische Erschließung der Goitzsche kann getrost als sein Lebenswerk bezeichnet werden. „Wer den Dreck hier gesehen hat, für den kann das Ganze nur wie ein Wunder erscheinen“, sagt er – und zeigt auf die Häuserfront rechter Hand. Bruchbuden waren das früher, jetzt wolle hier jeder wohnen. In Häusern, die plötzlich nicht mehr am Grubenabgrund stehen, sondern am Strand. „Auf was sonst außer Tourismus wollen wir hier denn setzen?“, fragt Bernhardt.

Es ginge nur um das Drittel des Goitzschegebiets, das nicht als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen ist. Dieses Drittel allerdings, da sei touristisch noch Luft nach oben. Bis vielleicht eines Tages der „Pegelturm“ am See das zentrale Wahrzeichen des Urlaubsorts Bitterfeld wird. Wie eine Spirale windet sich das Bauwerk in die Höhe, einen Panoramablick auf Stadt, Land und See hat man von hier. Bernhard schaut auf den Turm, um zu unterstreichen, wie seine Idee vom neuen Bitterfeld aussieht.

Hans Zimmermann sieht den Turm mit anderen Augen. Wie ein Nagel sei er, findet er. Hingenagelt von der Stadt, um Hoffnungen auf eine schöne Zukunft daran aufzuhängen. Die Taucherinsel für die Bernsteinjäger, das Hotel mitten auf dem Wasser, die geplanten Schleusen an der Stelle, wo gerade die Biber bauen. Zimmermann kann genügend Pläne aufzählen, die ihn zur Weißglut bringen, im CDU-geführten Rathaus dagegen auf Begeisterung stoßen. Für ihn ist klar, dass der Hafen nie viele Segelboote sehen wird. Dass die Stadt versuchen wird, wie damals bei der Kohle, nun aus dem Areal herauszuholen, was geht. Hans Zimmermann leidet an der Goitzsche-Euphorie, die so anders ist als seine eigene.

Nur noch ganz selten schaut er seinen alten Fernsehbeitrag „Bitteres aus Bitterfeld“ an, er ist auf einer privaten DVD konserviert. Zimmermann hat damals die Stadt verändert, vielleicht ein Stück die Welt. Die Zeiten sind vorbei. Seit er Probleme mit der Hüfte hat, geht er nicht mehr so oft vor die Tür. Er schaut von seinem Wohnzimmerfenster auf den Tagebausee und erfreut sich am meisten über kleine Veränderungen: dass die Seeadler wieder in die Bitterfelder Goitzsche zurückgekehrt sind.

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