Zeitung Heute : Bad Schönborn: Immer stramm zu Fuß

Willy Storck

Man darf davon ausgehen, dass viele der Einheimischen, aber auch die Kur- und Badegäste einige Schwierigkeiten haben, das Wort amerikanisch "korrekt" auszusprechen. Also das "a" und das folgende "l" gleichsam zwischen Kiefer und Rachen zu zerquetschen. Dennoch: Ganz Bad Schönborn walkt. Auf der Suche nach neuen Urlaubern hat sich der "bewegungsfreudige" Ort am Rande des Kraichgaus, zwischen Karlsruhe und Heidelberg gelegen, (fast) ganz dem Walking verschrieben.

Diese Bewegungsart passt zur Gegend. Der Kraichgau, ohnehin ein sanftes Hügelland, verschmilzt hier mit der Rheinebene. Dann lässt sich bei den wichtigsten Bad Schönborner Heilanzeigen - Herz-Kreislauf, Rheuma, orthopädische Rehabilitation - Walking zweifellos gut einsetzen. Und da der 11 000 Einwohner zählende Kurort in erheblichem Umfang auch von den Tagesgästen aus den nahen Ballungsräumen lebt, kann Walking auch für diese Klientel ein Thema sein. Zumal es sich inzwischen herum gesprochen hat, dass die Alternative Joggen - und das erst recht in fortgeschrittenem Alter - gehörig auf die Gelenke gehen kann.

Vor allem freilich wollte Bad Schönborn, da lassen Bürgermeister Rolf Müller und sein neuer, aus dem Ort stammender Kurgeschäftsführer Klaus Heinzmann auch keinen Zweifel, beim Thema "Walking" eine deutliche Duftmarke setzen, ehe in der hart umkämpften Reha-Branche andere sich damit nach vorn spielen. Der "Doppelkurort" Bad Schönborn ist übrigens als Produkt der Verwaltungsreform aus den einst selbstständigen Heilbädern Langenbrücken und Migolsheim entstanden und nach einer berühmten Adelsfamilie benannt, deren Spross Damian Hugo Fürstbischof in Speyer war und das prachtvolle Bruchsaler Schloss erbauen ließ. Das nahe dem Kurort gelegene Schloss und einstige Oberamt Kislau ist gleichfalls ein Ergebnis fürstbischöflicher Herrschaft. Die heutige Nutzung als Strafvollzugsanstalt stellt jedoch einen etwas merkwürdig anmutenden Kontrast zur einstigen Pracht dar.

Die Vergangenheit nützte im bäderreichen Baden-Württemberg nichts, als die Gesundheitsreform gerade bei der Vor- und Nachsorge griff. "Vor drei Jahren", räumt Klaus Heinzmann ein, "war die Situation sehr schlecht." Inzwischen sind die Kliniken wieder voll belegt. Darüber hinaus hat Bad Schönborn ein ganz anderes Problem: Viele Bettenvermieter profitieren, wie Bürgermeister Müller sagt, von den Firmen in den schon erwähnten Ballungsräumen Rhein-Neckar und Karlsruhe: "In der Region boomt es."

Aber auch da ließe sich ja ansetzen. Warum, fragen sich die Schönborner Verantwortlichen, sollten sich die Kur-Annehmlichkeiten mit Thermalbädern (Schwefel und Sole) nicht auch den Geschäftstouristen ebenso nahe bringen lassen wie den Kur- und Tagesgästen. Und Walking ist ja schließlich etwas, das jeder in jedem Alter machen kann.

"Walking", sagt Alexander Woll, Assistent am Institut für Sportwissenschaften der Universität Karlsruhe, "ist sanfter als Joggen, da keine Überforderung entsteht." Der Arzt Woll ist gemeinsam mit seinem Chef, dem renommierten Sportwissenschaftler Professor Klaus Bös, für Bad Schönborn ein doppelter Glücksfall: Erstens stammen beide aus dem Ortsteil Langenbrücken und sind auch heute noch dort zu Hause. Zweitens liegt insbesondere Bös die Verbindung von Bewegung und Volksgesundheit am Herzen.

Walking hatte er in Skandinavien und den USA kennen gelernt. Von den deutschen Sportverbänden, sagt Alexander Woll, sei diese Form der Bewegung bisher eher halbherzig betrachtet worden. In den USA hingegen sei es bereits die Sportart Nummer zwei. Und da möchte Bad Schönborn als Trendsetter anknüpfen. Wofür man, nach bescheidenen Anfängen vor wenigen Jahren, einiges in Szene gesetzt hat.

Unlängst fand zum fünften Mal das "Internationale Walking-Festival" mit "Walk-Parade" und Teilnehmern aus der ganzen Bundesrepublik statt. Zeitgleich wurde erstmals auch eine "Walking-Woche" mit wissenschaftlichem Programm angeboten. Das Symposium zählte auf Anhieb 350 Teilnehmer. Und es wurde im März mit maßgeblicher Unterstützung des Sportwissenschaftlichen Instituts der Uni Karlsruhe das Deutsche Walking-Institut gegründet. Das soll nicht nur für Interessierte Material sammeln und aufbereiten, sondern auch Forschung initiieren und begleiten, Veranstaltungen allgemeiner und fachlicher Art anbieten und unterstützen, Broschüren und Videos herausgeben, sondern vor allem in der Öffentlichkeit das Thema populär machen. Und es soll Aus- und Weiterbildung im sportlichen wie medizinischen Bereich angeboten werden.

Information sei wichtig, sagt Sportwissenschaftler Woll. Denn auch Walking will gelernt sein. Am besten sind feste Schuhe und ein weicher Untergrund. Und dann weg vom Leistungsgedanken, der Jogger oft beflügelt: Es geht nicht um Zeiten, sondern um einen strammen Spaziergang mit festem Bewegungsrhythmus. Dann, wird versichert, ist das eine gute Sache für Herz, Kreislauf und Immunsystem und im Zweifel auch für die Psyche. Im Gegensatz zum Jogging werden die Gelenke geschont. Bei Rheumapatienten, das hat man auch in Bad Schönborn beobachtet, kann zwar auch Walking nichts heilen, aber oft zumindest vorüber gehend zur Linderung und damit mehr Bewegungsfreiheit beitragen.

Dass mit dem "Walking" - ganz unabhängig von Bad Schönborn, seinen Kureinrichtungen und Kliniken - eine größere Bewegung auf die Gesundheitsbewussten zurollt, zeichnet sich längst ab. Zumal es auch schon Varianten gibt wie etwa das "Nordic-Walking", bei dem (Ski-)Stöcke die Fortbewegung unterstützen. Anfangs, sagt Alexander Woll, hätten er und sein Chef sich darüber eher belustigt. Inzwischen nimmt man es ernst. Nachdem es allein in Baden-Württemberg inzwischen rund 1000 Treffs gibt und an der Uni Karlsruhe zahlreiche Übungsleiter ausgebildet wurden, hat schon vor einiger Zeit auch die AOK den Trend erkannt. Etliche Unternehmen der Branche, die sich auch bereits in Bad Schönborn präsent zeigen, sowieso: Schließlich spielen beim Walking auch die Themen Ernährung, Bekleidung, Schuhe und so weiter hinein.

Volkssport ist es noch nicht. "Wir brauchen die Verbände", sagt Woll. Die brauchen zwar manchmal etwas länger, sitzen dann aber letztlich doch mit im Zug. Der Bad Schönborner Bürgermeister Müller und seine Mitstreiter Bös, Woll und Heinzmann möchten da allerdings schon gern auch in Zukunft Lokführer und Schaffner sein. Dazu, sagt Heinzmann, werde ihnen auch noch einiges einfallen. Und Professor Bös bringt es so auf den Punkt: "Lange keinen Sport gemacht? Dann ist Walking wunderbar!"

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