Baden gehen I: Geschichten von Stränden und vom Stranden : Das taucht was

Macht euch keine Sorgen!, sagte der Bürgermeister von Lübbenau zu den 50 Angestellten des örtlichen Spaßbads, als dessen Betreiber verschwand. Doch einfach war die Lage nicht. Der Spaßbadmarkt ist umkämpft. Da braucht es rettende Ideen. So kamen sie in Lübbenau auf den Pinguin.

Ariane Bemmer[Lübbenau]
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Underwater Love. Mensch und Pinguin im Spreeweltenbad Lübbenau. Foto: Spreewelten.-

Erst steht er, dann legt er sich hin. Auf den Bauch. Nicht lange. Dann steht er wieder auf. Er schaut sich um. Sieht die anderen. Die mal liegen, mal stehen und sich umschauen. Die Sonne scheint. Sie wärmt ihn. Sie wärmt die anderen. Sie wärmt den Stein. Auf den er sich jetzt wieder legt.

Die Zeit vergeht langsam. Kindergeschrei ist in der Luft. Er könnte ins Wasser gehen, sich abkühlen.

Er steht wieder auf und schaut sich um und auch zum Himmel hoch, als wolle er prüfen, wie lange die Sonne noch bleibt. Dann bewegt er sich langsam in Richtung Becken. Er rutscht die Steine ein Stück hinunter. Dann steht er mit den Füßen im Wasser und schaut in die blaue Tiefe.

Die anderen haben das beobachtet.

Er steht und schaut minutenlang. Es hetzt ihn ja keiner. Dann macht er die zwei letzten Schritte vorwärts, lässt sich fallen und klatscht mit dem Bauch aufs Wasser. Er schwimmt los, gemächlich, den Kopf mal über, mal unter Wasser. Er hat ja kein Ziel.

Die anderen schauen ihm eine Weile zu, dann kommen sie hinterher. Sie schwimmen wie er im Kreis. Dann kehren sie alle zurück auf die Steine. Sie recken die nasse Brust der Sonne entgegen, die sie trocknet, und legen sich wieder hin.

So vergehen Stunden. Stehen, liegen, baden, trocknen. Manchmal wird auch wilder geplanscht, manchmal gibt es Gezeter. Und Aufregung vor allem, wenn das Essen geliefert wird.

Der Pinguin in Gefangenschaft, so scheint es, ist der Spaßbader schlechthin.

Da er seiner Verpflichtung zu Nahrungs-, Partner- oder Nistplatzsuche beraubt ist, führt er sein Leben als reine Freizeit. Und die ist maßgebliche Voraussetzung für das zwecklose Baden. So kam auch der Mensch dazu. Solange für ihn „die Sicherung des Lebensunterhalts durch eigene Arbeit“ im Vordergrund stand, so formulierte es 1998 Diplomsportlehrer Joachim Behrendt in seiner Promotion zum Thema, war auch das Baden ergebnisorientiert. Man reinigte oder ertüchtigte sich. Als dann aber „die Sinneslust und der Genuss“ aufkamen, entwickelten sich die Bäder zu Orten „geselligen Beisammenseins mit gesellschaftlichem Anspruch“. Behrendt stellt fest: „Als Augustus im Jahr 15 vor Christus die Stadt Trier gründete, war der Typus des Badepalastes bereits ausgebildet.“

Was die Pinguine zu dieser Zeit taten, ist nicht überliefert. Sie wurden erst 1520 vom Weltumsegler Magellan entdeckt. Fest steht aber, dass fünf von ihnen 2024 Jahre nach der Gründung von Trier ein Spaßbad aus der Krise retten sollen.

Das „Sauna- und Badeparadies“ von Lübbenau, einer kleinen Spreewaldstadt südöstlich von Berlin, erhebt sich versteckt hinter einem Neubauriegel an der Ausfallstraße zur Autobahn, an der umfänglich und lärmend gebaut wird. Auf einem großen Parkplatz dampfen schon morgens um 10 Uhr die ersten Karossen in der Sonne. Im Fahrradständer blitzen Lenker und Klingeln. Eine Gruppe älterer Damen ist mit der Wassergymnastik bereits fertig. „Dann macht’s man gut“, verabschieden sie sich voneinander.

In Spaßbädern kann mal vieles machen, aber eins kaum: schwimmen. Laut „Bundesverband öffentlicher Bäder“ fehlt dem Spaßbad – wie in Lübbenau – ein Sportbecken von mindestens 25 Metern Länge. Ist das vorhanden, hat man es nämlich mit einem Freizeitbad zu tun.

370 Spaß- und Freizeitbäder gibt es in Deutschland, und jedes sucht immer neue Haken, um Besucher zu angeln: höhere Rutschen, mehr Sprudel im Whirlpool, mehr Platz für Babys. Aber in Lübbenau hatten sie diese ganz andere Idee.

Drinnen im Foyer des Bades hängt ein großer Bildschirm. Er zeigt, was an den Außenbecken passiert, hinter Kasse, Riesenrutschen, Wellenbecken und Gastro-Ecke. Man sieht das leicht verzerrt, aber Hauptsache, man sieht, wann es los geht: „Schaufütterung unserer Humboldt-Pinguine 11 Uhr und 15 Uhr 30.“

Draußen sind zwei Becken, man kann vom einen ins andere gucken, getrennt sind sie nur durch eine Glasscheibe. Das hintere windet sich L-förmig weg, über dem Ende des Beckens ist eine Brücke gebaut. Um kurz vor 11 Uhr hat diese Brücke sich gefüllt mit Jungen und Alten in Badekleidung. Um 11 Uhr ist es auch an der Scheibe voll. Badegäste, die eben noch im Wasser auf und ab hüpften oder sich mit kleinen Schwimmzügen in Bewegung hielten, stehen und treiben jetzt dort, viele tragen Schwimmbrillen. Sie sind im vorderen Becken, dahinter ist Pinguinwasser, Salzgehalt zwei Prozent.

Und dann ist auch Sepp Müller da, den Pony schräg über die Stirn geföhnt, ein Headset hat er am Kopf, einen Plastikeimer im Arm, er stellt sich in die Menge auf der Brücke. Müller, 22, Tierpfleger und Sachse, erwähnt in einem kleinen Vortrag verschiedene Arten – genauer: „Orten“ – von Pinguinen, dann wirft er Heringe ins Becken. Ganz nah an die Scheibe. Die Pinguine tauchen nach dem Fisch. Die Badegäste nach dem Pinguin. Mensch und Tier sind sich unter Wasser für Sekunden ganz nah, beide schnappen nach Luft, wenn sie auftauchen.

Als die Fische verzehrt und die Pinguine an Land gehüpft sind, sich gereckt und auf die warmen Steine gelegt haben, verschwinden auch die Menschen wieder. Kehren zurück auf ihre Laken, ihre Liegen, in die Halle mit den Rutschen.

Dass Pinguin und Mensch Freizeit ähnlich gestalten, beschrieb bereits 1947 der Biologe Rudolf Mell in einer Studie zur „Pinguinkolonie als soziologisch interessanteste Großstadtsiedelung von Tieren“. Arktische Pinguine, heißt es da, finden sich wie Ausflügler zusammen, erklimmen bis zu einer Stunde lang Hügel, genießen oben die Aussicht, um dann wieder herabzusteigen. „Die Betätigung“, schreibt Mell, „erinnert an eine bescheidene Form des Bergsports.“

Vielleicht mögen die Menschen den flugunfähigen Vogel, der an Land so unbeholfen daherkommt, aber im Wasser umso eleganter, deshalb gern. Weil sie etwas wiedererkennen in ihm.

„Seit die Pinguine da sind“, heißt es jedenfalls im Bad, und das ist seit Dezember 2008, „kommen wieder mehr Leute, vor allem mehr Familien.“ Anfang Juni wurde bereits der hunderttausendste Besucher des Jahres begrüßt. 2008 waren es insgesamt nur 109 030 gewesen.

In den Anfangsjahren waren es fast dreimal so viele. 1999 wurde das Lübbenauer Bad eröffnet. Gebaut und betrieben hat es ein privater Investor, ein bundesweit aktiver Bäderkönig, der allerdings schon Bäder verkommen ließ, eins musste gar abgerissen werden, das stand in Bochum. Ein Wegwerfbad, spottete man damals. Dazu kam es nicht in Lübbenau. Die Stadt, um ihre Attraktivität besorgt, beschloss Anfang 2007, als der Bäderkönig die Pacht säumig blieb, das Bad zu übernehmen. Steckten in dem Bau doch gut sechs Millionen Euro Subventionen, knapp die Hälfte der gesamten Kosten. Und 50 Angestellte gab es dort auch. Macht euch keine Sorgen!, sagte denen der Bürgermeister.

Aber wieso eigentlich nicht?

In Brandenburg wurden nach der Wende 20 Spaß-, Freizeit- und Thermalbäder errichtet, die sich immer schärfer Konkurrenz machen beim Buhlen um Kunden. Den Errichtern war das egal. So schildert es Michael Weilandt, seit 17 Jahren Berater beim „Bundesverband öffentlicher Bäder“, der im Osten allerlei erlebte. „Wildwuchs“, sagt er gleich mehrmals am Telefon in seinem Essener Büro. Es waren Firmen aus dem Westen, die den Osten überrannten, Bürgermeister umgarnten, von touristischer Entwicklung, von möglichen Besucherzahlen, von Förderprogrammen erzählten. Und immer nach demselben Muster handelten: Sie ließen sich für Planung und Bau der Bäder millionenschwer bezahlen und sicherten den Betrieb für eine gewisse Zeit zu. Da sie immer wieder dasselbe bauten, entstanden für Planung jedoch kaum Kosten. War das Bad fertig, hatten die Bauherren ihr Geld verdient, den weiteren Verpflichtungen, wie der Instandhaltung, entzogen sie sich meist. „Und dann sitzt die Stadt da mit einem Schwimmbad, das sie nicht bezahlen kann“, sagt Weilandt.

Schuld daran sei „PPP“, Public Private Partnership, die Zusammenarbeit von öffentlichen und privaten Einrichtungen. Weilandt sagt: Zu PPP würden die Kommunen gedrängt, um Geld zu sparen. Von den Wirtschaftsministerien der Länder und dem PPP-Cheflobbyisten Rudolf Scharping, ehemals Verteidigungsminister und SPD-Kanzlerkandidat. Doch oft würden die Amtmänner von den Geschäftsleuten über den Tisch gezogen. Und Bäder seien, so Weilandt, da tendenziell Zuschussgeschäfte, für PPP ohnehin „denkbar ungeeignet“.

Und so wurde auch in Lübbenau nach der Verabschiedung des privaten der neue Betreiber ein kommunaler.

Am 28. November 2007 wird in der Stadtverordnetenversammlung dem Pacht- und Geschäftsbesorgungsvertrag für das „Kur-, Freizeit- und Spaßbad“ mit der Spreewelten GmbH zugestimmt. Die ist eine Tochter der Wohnungsbaugesellschaft WiS, vormals VEB Kommunale Wohnungsverwaltung Lübbenau.

Und dann ging das große Nachdenken los. Wie holen wir die Besucher zurück?

Im Verwaltungstrakt hinter Kasse und Souvenirshop – 22 Artikel mit Bezug zum Pinguin – hat Axel Kopsch, Prokurist, braungebrannt, gut gelaunt, sein Büro. Er erzählt von Workshops mit Mitarbeitern, „bei denen auch gesponnen werden durfte“, und wie da auf einmal – keiner kann mehr sagen, von wem es kam – das Wort „Tiere“ gefallen sei. Man wollte, sagt Kopsch, etwas finden, was die Menschen „emotional anspricht“. Mit noch einer Rutsche oder noch einer Sauna – man hat bereits 14, das ist Brandenburger Rekord – wäre das nicht gegangen. Aber dann, Tiere!, die Lösung.

Sie fragten in Zoos: Was sind die beliebtesten Tiere? Elefanten, sagten die Zoos. Kopsch lacht, als er sich erinnert.

Aber die zweitbeliebtesten Tiere, die sollten es dann werden: Pinguine.

Sie haben weiter telefoniert. Darf man das, Pinguine im Spaßbad halten? Und wenn, unter welchen Voraussetzungen? Und wo gibt es die überhaupt?

Im nahen Cottbuser Tierpark fanden die Männer vom Spaßbad einen Partner. Geld für die Umbauten kam von der Stadt. Sie haben eine Zoozulassung erworben, Sepp Müller als Tierpfleger angestellt, Kontakte zu Fischlieferanten geknüpft, sie haben ein bis zu 1 Meter 70 tiefes Becken gebaut, südamerikanische Pflanzen gekauft und aus 320 Tonnen Lausitzer Granitfelsen eine Küstenkulisse geformt, weil sie Humboldt-Pinguine bekommen sollten, die in Peru und Chile vorkommen. Sie haben eine Salzwasserreinigungsanlage angeschafft, eine Quarantänestation, die Felsenlandschaften mit Fußbodenheizung versehen, damit die Tiere im Winter nicht frieren, und dann haben sie am 19. Dezember 2008 wieder eröffnet.

„Schwimmen mit Pinguinen“, das ist seitdem ihr Slogan. Auch wenn das nicht so richtig stimmt. Aber näher als in Lübbenau ist wahrscheinlich noch nie ein Mensch in Badehose einem Pinguin gekommen. Schulklassen reisen an, lernen etwas über den Pinguin und spielen danach Beachvolleyball. Regionale Radiosender, Zeitungen, Firmen haben Patenschaften für die Tiere übernommen.

Es gebe regelrechte Beziehungen zwischen Mensch und Tier, sagt Kopsch. Die Pinguine, weil im Zoo aufgewachsen, aber auch von Natur aus, seien neugierig, sehen die Menschen direkt an, und wenn mal ein Ball zu ihnen ins Bassin fliegt, spielen sie damit. Wie zuvor jenseits der Scheibe die Menschen.

„Wir nehmen das mit dem Pinguin sehr ernst“, sagt Kopsch. Man will Kooperationen mit Universitäten, Forschungsaufträge. Die Tiere sollen kein Gag sein. In den nächsten Tagen kommen weitere zwei. Wieder aus Cottbus. Daher kommt auch die neue Tierpflegerin. Sepp Müller, der Sachse, kehrt zurück zum Dresdner Zoo. In Lübbenau, sagt er, kennen sie ihn jetzt alle: Du bist doch der Sachse von den Pinguinen. Wenn er Bier kauft fürs Wochenende, sagen die Verkäufer: aber nur nüchtern zu den Pinguinen, und so weiter. Sepp Müller sagt: Mo ährlisch, in Lübbenau ist doch tote Hose.

Die Pinguine liegen auf ihren Steinen. Sie wechseln gerade ihr Gefieder, da baden sie nicht gern. Eine Mutter kommt mit ihrem Kind an der Hand auf die Brücke, geht so nah wie möglich ran an die Tiere. Das Kind klammert sich mit seiner freien Hand ans Geländer und guckt. Die Pinguine machen nichts. „Wollen wir mal deinen Bruder suchen?“, sagt die Mutter und zieht das Kind hinter sich her Richtung Spielplatz.

Nicht weit von Lübbenau entfernt, an der Autobahn Richtung Berlin, erhebt sich am Horizont das mächtige Oval, in dem sich das „Tropical Island“ befindet, ein gigantischer überdachter Freizeitpark mit Rutschen, Palmen, Stränden, Minigolf, Bali-Lounge und Campingplätzen, den ein malaysischer Investor finanziert, und der tendenziell auf dieselben Kunden zielt wie das Spreeweltenbad.

Es ist nicht leicht, sich zu behaupten im Überlebenskampf, der, wenn Ressourcen knapp sind, gnadenlos geführt wird. Humboldt-Pinguine wissen das. Sie stehen auf der Liste der bedrohten Arten.

Lesen Sie in Teil 2 der Serie über das Sinken auf See und den Notruf S.O.S.

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