Baden gehen IV: Geschichten von Stränden und vom Stranden : Das Wunder Watt

Unabsehbar, unermesslich, eine Wüste aus nassem, dunklem Sand – seit einigen Wochen ist sie Erbe der Welt. Der Tag der Unesco-Entscheidung war ein glücklicher Tag für den Mann, der jahrelang dafür gearbeitet hatte, denn nun hatte er fast alles erreicht. Fast

Sonja Hartwig[Wilhelmshaven]
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Weite und viel mehr. 4000 Tierarten leben im Watt der Nordsee. Unter anderem Wattwürmer. Millionen von ihnen wühlen jedes Jahr...Picture Alliance/dpa

Erst wenn sich die Wogen des Meeres hinter den Horizont zurückziehen und das Klatschen des Wassers verstummt, kann er ungehindert hinaussehen. Erst dann ist der Blick frei. Der Wind fasst scharf, die Haare fliegen, er zieht am Kragen seiner Jacke. Wilde, Weite. Enemarks Worte verrieten bislang nichts von seiner Faszination, doch jetzt, nachdem die Flut fast gegangen ist, lösen sich Hinweise darauf, Formulierungen wie „außergewöhnlicher und universeller Wert“ dieses „angemeldeten Gebiets“. Er streckt den Arm aus, scannt von der Promenade aus die Küste. Sand, Schlickstreifen, darüber die Seebrücke. Dangast am Jadebusen, an einem Regentag im März, als es längst schon Hoffnung gab, Gewissheit jedoch noch nicht.

Jens Enemarks Augen schweifen über die unabsehbare, unermessliche Wüste aus nassem, dunklem Sand. Eine Öde, in der nichts ist außer Silhouetten und Stimmen der Vögel, die vorbeiziehen, anhalten, im Schlick stochern. Enemark hebt sein Fernglas, da, flüstert er, die ersten Vögel aus Afrika. Zunächst ist es Euphorie, Erklärton folgt: Das Watt ist ihr Lebenselixier. Der Knutt zum Beispiel. 140 Gramm wiegt er, wenn er die Nordsee erreicht, dann frisst er sich die Hälfte seines Gewichts im Laufe von vier Wochen an, fliegt gestärkt weiter. Unglaublich, unglaublich.

Das Wattenmeer der Nordsee ist zum Erbe der Welt ernannt worden, die Unesco hat Ende Juni so entschieden. Enemark, 59, koordinierte die Bewerbung um den Titel. Man könnte auch sagen: Er war einer ihrer Väter. Er selbst sagte im März: „Es gibt hunderte Väter, hunderte Mütter, die auf dieses Kind Weltnaturerbe gewartet haben.“

Am Tag nach der Entscheidung hatte er eine SMS geschickt, „Angenommen“. Ein paar Tage später sagt er, „ich war das erste Mal seit 20 Jahren nervös“, „der Höhepunkt dieses Jobs“. Er erzählt, dass alles ganz schnell entschieden war und seine Mitstreiter anschließend auf ihn zugeströmt seien, sich in den Armen gelegen hätten und beinahe Tränen geflossen wären. Weil sie fast alles erreicht hatten. Fast, weil bis zum Ziel noch eine Pflicht bleibt.

Es sind ausgesprochen persönliche Worte für einen Mann, der sonst so ruhig spricht, der sich gelegentlich verfängt im Netz der Rationalität. Welche Rolle würde der Titel für Sie spielen, ist er ein paar Monate zuvor gefragt worden. „Es gäbe eine größere Unterstützung für den Schutz des Wattenmeeres, die Einmaligkeit dieses Gebiets wird von mehr Leuten verstanden.“ Aber was bedeutet es für Sie persönlich? „Für uns, das Wattenmeersekretariat, geht eine lange Arbeit zu Ende, das wäre ein Erfolg.“

Ebbe in Dangast, die Erinnerung weht heran. Enemark erzählt von Schiermonnikoog, der kleinsten Wattenmeerinsel in den Niederlanden. Sommerurlaub mit seiner Frau, vor 34 Jahren. Sie: Holländerin. Er: Däne. Sie sagte: Das Wattenmeer ist holländisch. Nein, dänisch, dachte er. Und dann, als die Vögel über ihnen kreisten, streckte er die Arme aus, den einen gen Osten und den anderen gen Westen. Er schmeckte das Salz auf der Zunge, spürte den Wind im Gesicht und begriff, dass dieses Watt das gleiche war wie das, an dem er als Kind in Dänemark jedes zweite Wochenende Sandburgen baute.

Mehr als 1000 Kilometer messen die Küsten in Deutschland, den Niederlanden und Dänemark. Sand- und Schlickwatten, Salzwiesen, Dünen, Strandinseln, Halligen und Buchten. „Das größte zusammenhängende Küstenwatt der Welt“, sagt Enemark.

Das Leben der drei Anrainerstaaten, das sogenannte trilaterale, verkörpere er wie kein anderer. So stand es vor Jahren in einer Laudatio, als er die „Goldene Ringelgansfeder“ verliehen bekam, eine Auszeichnung für sein über Ländergrenzen gehendes Engagement. Enemark ist das trilaterale Gesicht, das trilaterale Gemüt. Das sagt er selbst, und das erwähnt jeder seiner Kollegen. Und es scheint, als sei dies eine der wenigen Wahrheiten, die er schnell offenlegt: Verheiratet mit einer Niederländerin, arbeitet er in Deutschland, spricht vor allem Englisch und träumt nur auf Dänisch.

Ganz am Anfang, Enemarks erster Gedanke: die Welterbeliste, „eine recht exklusive Liste. Da müssen wir uns anstrengen.“ Kirchen, Pyramiden, Schlösser wurden zum Erbe der Welt ernannt, das Great Barrier Reef und der Grand Canyon. Aber dieser Nordseestrand? Niedersachsen war zunächst vorgeprescht. Das Land hatte einen Antrag gestellt, die Internationale Naturschutzunion – sie berät die Unesco in Weltnaturerbefragen – jedoch befand: Wenn schon eine Bewerbung, dann sollte sie mehr beinhalten als die 360 Kilometer zwischen Elbe und Ems.

Dänemark, die Heimat Enemarks, die über 13 Prozent der Wattflächen verfügt, hielt sich aus der Bewerbung heraus. Das Land will erst seinen Teil zum Nationalpark ernennen. Gerechnet wird damit im nächsten Jahr. Dann kann es dem Naturerbe-Projekt immer noch beitreten. Die Unesco fordert dazu eindeutig auf.

Den Nominierungsantrag arbeiteten also schließlich die Niederlande und Deutschland unter Vorsitz des Bundesumweltministeriums aus, bewarben sich um die Aufnahme für 9700 Quadratkilometer als Welterbe. Enemark hielt die Fäden zusammen, im Planungsstab, dem sogenannten Wattenmeersekretariat, das die deutschen, niederländischen und dänischen Schutzmaßnahmen koordiniert.

Der Planungsstab arbeitet in einem Backsteinbau in Wilhelmshaven, zweiter Stock, hafenseitiger Flügel. Von hier ist der Blick frei für die „Unermesslichkeit“, wie schon der römische Geschichtsschreiber Plinius im Jahr 47 die Weite zu charakterisieren suchte, die täglich mit starken Strömungen vom Meer überflutet werde. „Dann steht das Wasser bis zu drei Meter höher“, sagt Enemark. Ein freundlicher, unprätentiöser Mann steht da in seinem Büro an einem geöffneten Fenster, er schaut nach draußen.

1967, ein Gymnasium in einer dänischen Kleinstadt. Biologieunterricht. Der Lehrer fuchtelt mit den Händen, untermalt seine Sätze mit Gesten. Sie erzählen von der Mystik der Natur und der Notwendigkeit ihres Schutzes. Sie schrillen dem 17 Jahre alten Schüler wie Sirenen in den Ohren. Er speichert die Sätze ab, um sie Jahrzehnte später wieder abzurufen, sie sich anzueignen. Die Liebe zwischen Mann und Watt war keine auf den ersten Blick, sagt seine Frau Gineke, er hat sie sich erarbeitet. Und die Vögel, die zwölf Millionen Zugvögel, die am Watt rasten, die er beobachtet, von denen er schwärmt, was ist damit? „Er wusste da anfangs nicht viel drüber, gut, inzwischen ja, aber er hat es nur nach und nach lieben gelernt.“

Infiziert seit Mitte der 70er. Das Schlüsselerlebnis: der Urlaub auf Schiermonnikoog. Der weitere Verlauf entwickelt sich aus dem Zufall. Enemark studierte Politik und Geschichte, arbeitete als Lehrer, suchte dann einen anderen Job und landete bei der holländischen Raumplanung für Provinzen, Abteilung: Wattenmeer. 1987 wurde dann das Wattenmeersekretariat gegründet und Enemark der Chef. Mehrmals ist er seitdem in Konsensentscheidungen von allen drei Ländern bestätigt worden. 1991 dann das trilaterale Projekt. Seitdem wurde auf den Welterbetitel hingearbeitet. Wurden Dokumente und Briefe geschrieben, Gutachten studiert, wurde mit Schiffern, Fischern, Bauern gesprochen, vor allem mit all denen, die das Projekt von Anfang an ablehnten. Ein Gerangel zwischen Ökologie und Ökonomie.

Die einen fragten: Darf dann noch gefischt, gesegelt, das Motorboot benutzt, durchs Watt gelaufen werden? Kommen überhaupt noch Gäste? Die anderen: Was hat das Welterbe-Etikett mit Schutz dieses Ökosystems zu tun? Verkommt es nicht immer mehr zum Freizeitpark?

„Es war ein zäher Kampf“, „ein langer Weg der Überzeugungsarbeit“, bilanzieren Mitarbeiter aus Nationalparkverwaltungen und Umweltministerien, all jene, die Enemark 18 Jahre lang auf dem Laufenden hielten. Wenn er selbst einmal zum Volk ging, vergaß er die Situationen, die Stimmung nicht. Zum Beispiel diese: Bürgerdiskussion in Husum, 2001. Schwarze Lettern auf einem weißen Plakat: „Ein Erbe muss man nicht annehmen“. Heute, sagt er, ist diese Skepsis der Menschen dem Stolz gewichen.

Schwindel, sagen die Leute vom Wattenrat – einem Zusammenschluss von Naturschützern – noch immer, dieses Etikett drehe sich nur um eines: Tourismus. 20 Millionen Gäste im Jahr bleiben schon jetzt über Nacht. Mit dem Titel soll das Watt an Attraktivität gewinnen, noch mehr Anziehungspunkt werden.

Geht es nach dem Tourismusverband, soll die Auszeichnung Hunderttausende mehr anlocken, geht es nach Enemark, soll das Außergewöhnliche von jedem Einzelnen anerkannt werden: 20 500 Seehunde, so viele wie nie zuvor, wurden im vergangenen Jahr vor den Küsten gezählt. Eine von 4000 Tierarten hier, an Fischen gibt es allein mehr als 140. Millionen Wattwürmer wühlen jedes Jahr 1000 Tonnen Sand pro Hektar um.

Enemark schüttelt den Kopf, hört gar nicht auf. Dann findet er bürokratische Worte für die Art, wie er „das touristische Produkt“ weiterentwickeln will, spricht von „nachhaltigem Tourismus“. Es werde weiterhin Gebiete geben, wo keiner hingehen darf, mehr Ranger, die darauf achten, dass Hunde an der Leine laufen, und die Rat geben, wie man die Natur erleben kann, ohne sie zu stören.

Es gibt auch Gebiete im Watt, die aus der Welterbefläche herausoperiert worden sind. Öl- und Gasförderanlagen, die Internationale Naturschutzunion hatte Kritik daran geübt, vor allem an der Bohr- und Förderinsel Mittelplate in Schleswig-Holstein. Sie passe nicht in das Schutzgebiet. Die kritischen Einrichtungen, 0,8 Prozent der ursprünglichen Welterbefläche, wurden dann als Exklaven aus der Bewerbung herausgenommen. Ein einfacher, pragmatischer Trick, den die Naturschutzunion tolerierte.

„Herr Enemark, das Watt hat manche lyrisch gemacht.“ – „Ja, Theodor Storm. Der Schimmelreiter. Da verstehe ich aber nicht viel von.“ Auch Heine war an der Nordsee. Er schrieb: „Gar besonders wunderbar wird mir zumute, wenn ich allein in der Dämmerung am Strande wandle – hinter mir flache Dünen, vor mir das wogende, unermessliche Meer, über mir der Himmel wie eine riesige Kristallkuppel – ich erscheine mir dann selbst sehr ameisenklein, und dennoch dehnt sich meine Seele so weltenweit.“ Stille. Sekunden vergehen. „Ist das so?“ „Ja, wunderbar.“

Eingehüllt in eine blaue, dicke Daunenjacke, lief er im März am Deich in Dangast entlang. Nein, er lief nicht, er hastete, stoppte, hastete. Es ist der Enemark-Expeditionsgang. Die Flut ging, die Erinnerung kam. An die kleinste Wattenmeerinsel der Niederlande, an den Urlaub vor 34 Jahren. Es wurde Ebbe, der Blick wurde frei, und erst jetzt erkannte er wieder die ganze Weite. Leise sprach der Däne: Sie werden noch beitreten, ganz gewiss.

Im nächsten Teil der Serie lesen Sie von einem Aufbruch zu neuen Ufern: Wie ein Ostler im Westen das Glück suchte.

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