Zeitung Heute : Baden gehen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Hat Gerhard Schröder eigentlich Freunde? Am Sonntag hat er so getan als ob: „Liebe Freundinnen und Freunde“, so fing er immer wieder an. Nur Hans-Jochen Vogel sprach noch zu „Genossen“. Vielleicht glaubt der Kanzler ja, Freund sein sei einfacher als Genosse. Nur: Ein Freund, das hat schon Heinz Rühmann gesungen, ist das Schönste auf der Welt – aber das Schwerste vielleicht auch.

Werden hochrangige Politiker gefragt, ob sie Freunde haben, womöglich in der eigenen Partei, dann denken sie meist lange nach und sagen dann: Vielleicht einen. Maximal zwei. Macht macht einsam. Und Freundschaften fallen nicht vom Himmel, man muss was tun für sie. Das kostet: keine Steuern, aber Vertrauen, Offenheit, Geduld und das, was ein Politiker erst recht nicht hat – Zeit.

Allerdings sind mir auch schon Freunde vom Himmel gefallen. P. N. zum Beispiel, der schickt mir Rotwein aus Frankreich und Postkarten aus der Toskana, aber gesehen habe ich ihn noch nie. Obwohl: Neugierig wär ich ja schon. Der andere unverdiente Freund wohnt nebenan. Oscar heißt er. Oscar ist ein richtiger Mann, kann kicken wie ein Meister und weiß mehr über Autos als ich. Alles, was Räder hat und rollt, sei es Kinderwagen, Fahrrad oder Brio- Eisenbahn, ist für ihn Auto – „oddo“ heißt das Wort, das der kleine Mann im Sekundentakt mit einer solchen Begeisterung ausstößt, wie man sie sich in der Politik nur erträumen kann. Und Oscar hat ein großes Herz. Ohne dass ich ihn je bestochen hätte, mit Bonbons oder Versprechungen, nimmt er mich vertrauensvoll an die Hand und strahlt mich an. Das nenne ich wahre Freundschaft: bedingungslos.

Oscar ist ohnehin mein Hoffnungsträger. Im Moment hat man ja den Eindruck, West-Berlin stirbt aus. Erst Wolfgang Gruner, dann Walter Höllerer, jetzt Günter Pfitzmann… Alle meckern über die Berliner. Aber wie viel kennen Sie denn überhaupt? Sehnse. Ein Drittel der Bevölkerung ist erst in den letzten zehn Jahren an die Spree gezogen. Immerhin, ich kenne mindestens drei: der Kollege, der mir gegenübersitzt (hat Herz und Schnauze), die Dame bei Reichelt an der Brötchentheke (große Schnauze) und Oscar aus Schöneberg (großes Herz und kleines Schnäuzchen).

Auch West-Berliner Institutionen sterben aus. Die Wilmersdorfer Witwen sind schon lange tot, und die legendäre Linie 1 fährt abends nur noch eine Stummelstrecke. Jetzt muss man in die U15 umsteigen, um nach Kreuzberg zu kommen. Das ist so, als stünde das mächtige Bundeskanzleramt an der Willy-Brandt-Straße 1b: lächerlich.

Nur auf der Bühne rollt die Linie 1 noch, wie sie soll, im Grips-Theater, einer Institution West-Berlins, die mit Volker Ludwigs musikalischem Stück einen echten Exportschlager geschaffen hat – so ziemlich den einzigen West-Berlins – und noch immer quicklebendig ist. Gestern Abend war Uraufführung des neuen Stücks „Baden gehen“, in dem es auch darum geht, was Freunde für einander sind. Ein Stück das aus der Pleite Kunst macht – mit Herz, Musik und Schnauze, viel Sinn für Realität - und jeder Menge echter Berliner.

„Baden gehen“, Grips-Theater, z.B. heute und morgen 19 Uhr 30, Hansaplatz, Tel. 39 74 74 77.

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