Zeitung Heute : Baden sucht den Superstar

In Mannheim eröffnet eine Akademie, die Popmusiker und -manager ausbilden wird

Benno Stieber

Wo sind sie denn, all die Studenten?“, fragt Judith Holofernes, die Sängerin der Band „Wir sind Helden“ nach ihrem Auftritt über die Köpfe der Honoratioren in den ersten Reihen hinweg. Nur ein paar schüchterne Rufe und Klatscher bekommt sie als Antwort. Die blonde Sängerin tut überrascht: „Ihr habt hier 700 Leute gecastet und nur drei genommen?“

Es sind natürlich mehr. 54 Studenten werden an diesem sonnigen Herbstmorgen mit ein wenig Musik und vielen warmen Funktionärsworten in ihr erstes Semester an der Popakademie geschickt. Vielleicht sind sie nur etwas verschüchtert nach all dem, was man von ihnen erwartet. Da spricht der Staatsminister Christoph Palmer vom Popstar als „Leitbild für die Gesellschaft“, und Direktor Udo Dahmen nennt die frisch gegründete Akademie in Anspielung auf den Weltwirtschaftsgipfel schon das „Davos der Popmusik“.

Wer sich dann noch daran erinnert, dass der Boss der Plattenfirma Universal, Timm Renner, seit Wochen in Interviews bekundet, er erwarte von der Mannheimer Popakademie neue Impulse für die dahinsiechende Plattenbranche, dem kann bei diesen Vorschusslorbeeren schon ein bisschen mulmig werden. „Wir können alles schaffen, wir müssen nur woll’n“, singen „Wir sind Helden“ zur Aufmunterung der Erstsemester. Danach wird das Büffet eröffnet.

Es ist ein ehrgeiziges Projekt, das dieser Tage in Mannheim startet. Während fast jeder Fernsehkanal seine Castingshow hat, in der Nobodies zum Superstars hochgejuxt werden, haben sich hier Politik, Plattenwirtschaft und Künstler wie Xavier Naidoo zusammengetan, um richtige Popmusiker auszubilden. Es gehe nicht um den kurzfristigen Erfolg, betont Akademiechef Udo Dahmen, selbst erfolgreicher Schlagzeuger und bisher Professor an der Hamburger Musikhochschule. Die Popakademie sei ein Gegenentwurf zu den Künstlerfabriken à la Popstars.

Also nicht das Versprechen von schnellem Ruhm und Stretchlimousinen hat die Studenten nach Mannheim gelockt. „Leute, die das haben wollen, sollten ruhig zu ,Star Search’ gehen“, sagt Marcus Schäfer, der trotz der umgedrehten Baseballkappe auf seinem Kopf ganz schön bodenständig wirkt. Marcus gehört zu den Studienanfängern, und er hat bescheidenere Träume. Er wäre schon glücklich, wenn er später von seiner Musik leben könnte, sagt der 26-jährige Gitarrist aus Schweinfurt und trinkt etwas hastig aus seinem Sektglas.

„Berühmt muss nicht sein“, sagt er. Es gehe ihm um seine Musik, und die heißt „Rock-Fusion“. Marcus schreibt eigene Stücke und hat schon mehrere Bands gegründet. Mit seinen eigenen Songs hat er auch die Jury in der Aufnahmeprüfung überzeugt. Jetzt kann er bei Leuten lernen, die immer seine Vorbilder waren. Peter Weihe zum Beispiel, einem gefragten Studiogitarristen. Aber Marcus hat auch eigene Projekte im Kopf. In den ersten beiden Semestern will er ein erstes Demotape produzieren und hat dafür auch schon unter seinen Kommilitonen Schlagzeuger und Bassisten rekrutiert.

Die Musik ist nur die eine Seite der Ausbildung an der Popakademie. Natürlich hätten Stadt und Land nicht so viel Geld aus den leeren öffentlichen Kassen gekramt, wenn sie sich nicht Arbeitsplätze und wirtschaftliche Impulse von der Popakademie erwarten würden. Mannheim hat gar einen ganzen Musikpark an das Neckarufer gestellt, in den im nächsten Jahr nicht nur die Akademie sondern auch diverse Plattenlabels und Studios ziehen sollen.

Deshalb ist Wirtschaft auch ein entscheidender Bestandteil der Ausbildung. Typisch für die Region, wird so selbst eine Pop-Hochschule zum Existenzgründungsprojekt. Aber vielleicht ist es auch nur ein Zeichen dafür, dass eine Branche erwachsen wird.

Felix Mescoli hat sich schon während der ganzen Festreden einen günstigen Standort hinten am Sektausschank gesichert. Er hat lange Haare, mindestens vier Ringe im Ohr und trägt auch drinnen Sonnenbrille. Wie ein Bilderbuchrocker steht er da an einem Plastiktisch. Doch Mescoli ist nicht auf der Popakademie, um sich zum Rockstar ausbilden zu lassen. Er belegt den Studiengang für Musikmanagement.

„Ein bisschen Wirtschaftsluft schnuppern“, nennt das der 27-Jährige, der schon ein Geschichtsstudium hinter sich hat. Mescoli ist aber auch Musiker, wie viele der Managementstudenten hier. Seitdem er 13 Jahre alt ist, spielt er Schlagzeug, und seit einigen Jahren hat er in Karlsruhe eine Band mit dem dezenten Namen „Starfuckers“ die Hard-Rock im Stil von AC/DC spielt. Auf einer Akademie Popmusik zu lernen, sei ihm ein „bisschen schwul“ vorgekommen, sagt Mescoli. Rock lerne man im Proberaum, nicht auf der Hochschule. Und weil seine „Starfuckers“ in letzter Zeit immer mehr Auftritte haben und sich auch ihre erste CD ganz ordentlich verkauft, will Mescoli jetzt rauskriegen, wie das Business läuft. Dafür hat sich der 27-Jährige durch die Bewerbungsmühle der Popakademie drehen lassen: Bei einem Rollenspiel hat er vorgeführt, wie er das Büro einer Plattenfirma organisieren würde und in einem Test nachgewiesen, dass er die Grundrechenarten beherrscht. „Es gibt viele in der Branche, die Ahnung haben von Musik und manche mit Ahnung vom Business“, sagt Mescoli, „ich wäre gerne der Link zwischen diesen beiden Welten.“

Ein innovativer Musiker und ein erfolgreicher Geschäftsmann? Felix Mescoli hat in dieser Beziehung ein Vorbild, auf das er sich wohl sofort mit den Akademiegründern einigen könnte – den ersten Popstar an der Börse: David Bowie.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar