Zeitung Heute : Bärchen darf bleiben

Von Tanja Stelzer

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Es muss einmal ein Wort zu den Hässlichkeiten eines Lebens mit Kind gesagt werden. Wer ein Kind bekommt, glaubt ja, sein Leben wird zukünftig so hübsch anzusehen sein wie ein PampersSpot. Alles Lüge.

Sehen wir davon ab, dass Mütter ihr Make-up auf verwischte Wimperntusche reduzieren, dass sie weder Zeit noch Geld haben, einen Shopping-Samstag in der Stadt und einen Beauty-Sonntag im Bad zu verbringen. Vernachlässigen wir die Falten, die Haare, die farblos und stumpf werden, die halbherzig weggerubbelten Flecken auf dem Sweatshirt und die kleinen, der Eile geschuldeten Geschmacklosigkeiten in der Kombination der Kleidungsstücke aus der vorletzten und der vorvorletzten Saison. Wirklich bedenklich sind die Hässlichkeiten, die uns umgeben. Ich habe Angst, sie könnten eines Tages abfärben.

Zum Beispiel ist da die Sache mit der Diddl-Maus. Ich war mit Noah zu Besuch bei meiner Mutter; die Maus war das Geschenk einer liebenswürdigen polnischen Bekannten, die alle Kinder sooooo süüüüüüß findet und Diddl-Mäuse fast noch süßer. Unter den wachsamen Augen der Bekannten pappte ich die an einer Saughalterung baumelnde Maus an Noahs Autofenster, mit dem festen Vorsatz, sie an der nächsten Ampel wieder abzunehmen. Jedes Mal, wenn ich die Spur wechselte und mich nach hinten umdrehte, zuckte ich zusammen, weil ich im Augenwinkel etwas Grau-Rosanes sah, das die Zähne bleckte und sich hektisch auf und ab bewegte. Noah aber erklärte der Maus seine Liebe, und weil die Liebe ihn, wie das eben so ist, ruhig und zufrieden machte, blieb die Maus hängen. Nach ein paar Beinahe-Crashs sah ich nur noch stur geradeaus und tröstete mich mit dem Gedanken: Hier kennt mich ja keiner.

Als wir wieder zu Hause waren, ließ ich die Diddl-Maus diskret in einer von Noahs Spielzeugkisten verschwinden, die er für gewöhnlich nicht weiter beachtet. Die Maus sitzt in der Falle, aber wie entkommen wir der Invasion der Bärchen?

Früher fragte ich mich immer: Warum, um Gottes willen, müssen Kinderkleidungshersteller auf jedes T-Shirt, Kindergeschirrhersteller auf jeden Teller, Kinderautositzhersteller auf jeden Stoffbezug Heerscharen von Bärchen setzen? Ich hatte eine regelrechte Bärenphobie. Sobald ich den Schwangerschaftstest gemacht hatte, fühlte ich mich verfolgt von Tatzen und Kulleraugen auf gelb-blau-kariertem Grund. Ich war fest entschlossen, mein Kind in einer Umgebung des guten Geschmacks aufwachsen zu lassen. Ein Kind, das nicht ständig von Bärchen terrorisiert wird, dachte ich mir, würde ganz von selbst eine Vorliebe für Rapperhosen entwickeln oder für dezente Streifenmuster, was weiß ich.

Leider scheint daraus nichts zu werden. Zuerst dachte ich, Noahs Begeisterung für die Diddl-Maus und die Bärchen, die er bei anderen Kindern sieht, liegt am Kindchenschema der Bärengesichter. Inzwischen glaube ich, Kinder haben einfach Mitleid mit hässlichen Kreaturen. Seit ein paar Tagen hat Noah eine neue Zahnbürste. In der Packung steckte auch ein Krümelmonster-Aufkleber. Noah bestand darauf, dass ich ihn auf seine Wickelkommode klebe. Wenn es Kindern um die Moral geht, sind sie rigoros. Ich schätze, den Kampf können Eltern nicht gewinnen.

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