Zeitung Heute : Bahn fahren

Wie ein Vater Berlin erleben kann

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Paul fährt oft Bahn, weil so ein Vollpubertist ja schon jede Menge Besuche machen will und wahnsinnig selbstständig ist. Paul fährt mit Bahncard, zum Beispiel ist er in den vergangenen drei Monaten etwa 20 mal in den Norden oder vom Norden aus zurück in die Hauptstadt gefahren, und schon zweimal ist nichts schief gegangen. Das war immer so ein Schwanken bei den Eltern, wenn Paul mal wieder einen Anschlusszug verpasste oder im Zug irgendeinen Nachschlag zahlen musste. So ein Schwanken zwischen Skepsis über Pauls Selbstständigkeit und seinem Drang zum verträumten Trödeln einerseits und den eigenen Kenntnissen über die Zuverlässigkeit der Bahn andererseits. Aus dem Schwanken ist jetzt Sicherheit geworden.

Neulich nämlich, da ist Paul mit dem Vater Bahn gefahren. Es gibt zwei Möglichkeiten, dieses Stück in den Norden zu fahren: Es gibt den Regionalexpress, im Folgenden RE genannt, der ist langsam, überfüllt und billig. Dann gibt es den Inter-City, den IC, der soll schnell sein, ist leer und teuer. Der RE fährt immer eine Viertelstunde vor dem IC los, und kommt eine Viertelstunde später an. So steht es im Kursbuch. Der Vater entschied für den IC. Als der RE ohne Paul und den Vater pünktlich aus dem Bahnhof rollte, kam die Durchsage, dass der IC fünf Minuten Verspätung hat. Als der IC kam, hatte er zehn Minuten Verspätung. 15, als er aus dem Bahnhof rollte. Der Vater erzählte, dass er mal in Japan mit dem Shinkansen gefahren sei, „nach dem kannste die Uhr stellen.“ In Deutschland kannste IC fahren, brauchst aber Humor. Pauls IC rollte gemächlich aus der Hauptstadt, Radfahrer überholten den Zug, Paul lachte.

Nach 45 Minuten Fahrt drohte, der Anschlusszug verpasst zu werden, nach 47 Minuten kam die Schaffnerin. „Sagen Sie", sagte der Vater, „kriegen wir unseren Zug noch?“

„Das müssen wir erst einmal formell klären“, sagte die Schaffnerin. Paul lachte. „Sagen Sie“, sagte der Vater, „warum müssen wir eigentlich Zuschlag bezahlen, wenn wir den Anschluß genauso verpassen, als wenn wir den RE nehmen?“– „Die Bahn kann nichts für die Verspätung“, sagte die Schaffnerin. „Hört, hört“, sagte Paul. „Ja“, sagte die Schaffnerin, „ein Reisender wollte uns bescheißen.“ – „Aber nisch mit ons“ sagte Paul. Der Vater lachte. „Ja, genau“, sagte die Schaffnerin, „nicht mit uns. Der fuhr Twen-Ticket und war schon zu alt, wir mussten den BGS holen“.

„Uii“, dachte der Vater, den Bundesgrenzschutz.

Am Umsteigebahnhof, Paul und der Vater rannten, um den formellen Anschluss zu bekommen, rief der Vater der Schaffnerin zu: „Sagen Sie, wie alt war denn dieser kriminelle Reisende, der Sie beschissen hat?“ Die Schaffnerin sagte: „72.“ Paul sagte: „Also doch Schuld der Bahn. Wenn sie einem 72-jährigen ein Twen-Ticket verkauft.“ Die Schaffnerin sagte: „72 geboren natürlich.“ Paul sagte: „Dann ist er doch noch Twen, wir haben doch erst 2002.“ Die Schaffnerin sagte: „Bei der Bahn geht Twen nur bis 26.“

Woraufhin der Vater sehr lange „Ahrgg“ dachte, derweil der Anschlusszug aus dem Bahnhof rollte. Ohne Paul und den Vater. „Humor, häh?“, sagte Paul. „Mhmngmanney“, sagte der Vater und schwor sich, nie mehr zu schwanken. Helmut Schümann

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