Zeitung Heute : Bahn will keine „Problemgruppen“ anziehen

Der Tagesspiegel

Von Stefan Jacobs

Heftig ist in den vergangenen Wochen über die Zukunft der Bahnhofsmission am Zoo gestritten worden. Während die Bahn an ihren Plänen festhält, die Essensausgabe der Mission in einen S-Bahnbogen am Tiergarten auszuquartieren, sehen Betroffene und viele Bahnkunden darin eine „soziale Säuberung“ des City-Bahnhofes.

Im Januar dieses Jahres hatte die Diskussion von Bahn und Betroffenenverbänden begonnen; am Freitag wurde sie auf Einladung der Charlottenburg-Wilmersdorfer Sozial- und Verkehrsstadträtin Martina Schmiedhofer (Grüne) fortgesetzt. Ein Runder Tisch zum Thema „Wem gehört der öffentliche Raum?“ sollte es werden. Nun ja, der Tisch war eckig und die Debatte brachte drei Schlüsse: Erstens geht der Erkenntnisgewinn der Beteiligten seit Januar gegen Null. Zweitens lässt sich zu dem Thema keine Einigung erzielen. Und drittens könnte der Umzug nach Tiergarten scheitern.

Wortreich schilderte Willi Meurer, Bahnvorstandsmitglied im Bereich Personenbahnhöfe, das Bedürfnis der Bahnkunden nach Sauberkeit, Sicherheit und Service. Es gehe nicht um Vertreibung, aber es sei auf Dauer inakzeptabel, dass der Bahnhof – und speziell der Bereich um die Essensausgabe – „Sammelpunkt gesellschaftlicher Problemgruppen“ sei. Heinz Czaplewski vom Verein Stütze e.V. konterte, dass das Wachpersonal zwar Obdachlose allein wegen ihrer Anwesenheit aus dem Bahnhof werfe, aber sich nicht daran störe, „wenn bei Reisenden die Schnapsflasche kreist“. Unterstützung bekam er von Hans-Joachim Ditz von der Arbeitsgruppe „Leben mit Obdachlosen“, der mit Bahn-Manager Meurer „über die Hausordnung reden“ wollte, in der so fragwürdige Begriffe wie „herumlungern“ vorkämen. Doch darauf ließ sich Meurer nicht ein. Stattdessen erinnerte er daran, dass der Bahnhof formal gar kein öffentlicher Raum sei, sondern nur dafür gehalten werde.

Diejenige, die den Problemen am nächsten ist, hielt sich vergleichsweise zurück: Missionsleiterin Helga Fritz zum Beispiel. Sie beschrieb das tägliche Publikum als Mischung aus „Reisenden, Straßenkindern und Selbstmordkandidaten – also verschiedenen Leuten, die nicht zusammenpassen. Sie habe beobachtet, dass Hilfe suchende Reisende sich teilweise nicht in die Bahnhofsmission trauten, weil sie sich von denen abgeschreckt fühlten, die sich dort regelmäßig aufhielten. Zugleich beklagte sie den Übereifer des Wachpersonals, das durchaus auch Punks mit gültiger Fahrkarte aus dem Bahnhof werfe – nur weil sie eben Punks seien.

Moderatorin Martina Schmiedhofer forderte nach dem allgemeinen Lamento konkrete Lösungsvorschläge von den Beteiligten. Und die hatte nur der zuvor gescholtene Meurer: Ein S-Bahn-Bogen am Tiergarten könne mietfrei für die Essensausgabe genutzt werden, bot er an. Diese Offerte ist nicht neu. Aber sie hat sich vorerst erledigt, weil nach Auskunft von Schmiedhofer die Liga der Wohlfahrtsverbände als Träger der Bahnhofsmission im Falle des Wegzugs vom Zoo den Geldhahn zudrehen will.

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