Zeitung Heute : Bahn zieht 61 ICE-Züge aus dem Verkehr

Nach Unfall und Notbremsung Mitte der Woche in Köln Furcht vor Katastrophe wie in Eschede

Carsten Brönstrup

Berlin - Die Deutsche Bahn hat am Freitag die größte Rückrufaktion von ICE-Zügen seit dem Unglück von Eschede gestartet. Der Konzern beorderte 61 seiner 67 modernen ICE 3 in die Werkstätten und strich jede siebte Verbindung im Fernverkehr. Betroffen waren zehntausende Fahrgäste vor allem im Westen der Republik, im Osten und Norden gab es weniger Auswirkungen. Zuvor war die Bahn womöglich nur knapp einer Katastrophe entgangen, nachdem am vergangenen Mittwoch im Kölner Hauptbahnhof ein Zug nach einem Achsbruch entgleist war. Zu Schaden kam niemand. Den normalen Fahrplan könne man vermutlich erst am Montag wieder einhalten, sagte Personenverkehrsvorstand Karl-Friedrich Rausch.

Anfang Juni hatte sich der Unfall im niedersächsischen Eschede zum zehnten Mal gejährt, bei dem 101 Menschen getötet und 88 verletzt worden waren. Damals war ein ICE 1 wegen eines defekten Radreifens gegen eine Brücke gerast. Der Fall gilt als schwerstes Zugunglück in der deutschen Geschichte.

Am Mittwoch war der ICE 3 mit rund 250 Passagieren aus Frankfurt am Main gekommen und hatte auf der Strecke mehr als 300 Kilometer pro Stunde erreicht. Kurz nach der Wiederanfahrt in Köln wurde er per Notbremse gestoppt, nachdem ein Waggon teilweise aus dem Gleis gesprungen war. Schon auf der Strecke Frankfurt–Köln seien Fahrgästen „merkwürdige Geräusche“ aufgefallen, berichtete ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Köln. Das Bahn-Personal habe geantwortet, das habe nichts zu bedeuten. Der Konzern wies den Vorwurf zurück, die Mitarbeiter hätten nicht korrekt gehandelt. Allerdings ermittelt die Justiz nun wegen Gefährdung des Bahnverkehrs gegen unbekannt. „Ein solcher Defekt ist das Gefährlichste, was es gibt“, sagte Markus Hecht, Professor für Schienenfahrzeuge an der TU Berlin, dem Tagesspiegel. Der Schaden an der Achse müsse schon länger vorhanden gewesen sein. Systeme, die während des Betriebs vor einem solchen Defekt warnen, gebe es bei Hochgeschwindigkeitszügen nicht.

Die Bahn will nun alle Achsen ihrer betroffenen Züge per Ultraschall überprüfen. „Wir gehen auf Nummer sicher“, sagte Konzernvorstand Rausch. Man gehe aber von einem Einzelfall aus. Anschließend würden die Prüfintervalle für die Achsen von 300 000 auf 60 000 Kilometer reduziert. Als Ersatz sollen Intercity-Züge sowie Loks und Waggons aus Nachbarländern fahren. Während des Wochenendes werde sich die Lage entspannen, da wieder mehr ICE-3-Züge zur Verfügung stünden, kündigte Rausch an. Von Zugausfällen betroffene Reisende können ihre Fahrkarten kostenlos umtauschen oder sich erstatten lassen.

Der Verband Pro Bahn begrüßte die Überprüfungen, kritisierte aber die Informationspolitik des Staatskonzerns. „Man hätte die Passagiere schon am Donnerstag auf ein mögliches Problem am Freitag hinweisen können“, sagte Verbandschef Karl-Peter Naumann. „Dann wären die Zugausfälle für viele nicht aus heiterem Himmel gekommen.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!