Zeitung Heute : Bahnbrechend

Bombardiers Zug nach dem Baukasten-Prinzip

Eltern mit Kinderwagen kennen es, Menschen mit Gehbehinderung und Fahrgäste mit vielen Koffern im Schlepptau auch: Um in den Zug zu steigen, müssen sie mal mühsam eine Stufe erklimmen, mal haben sie Glück und es kommt ein Modell angefahren, bei dem der Boden auf Bahnsteighöhe liegt. Deutschlands Bahnhöfe haben unterschiedliche Maße. „Früher war es gängige Praxis der Bahn, einfach einen Satz identischer Züge zu kaufen. Und die passten dann eben nicht ganz“, sagt Christian Segieth, Ingenieur bei Bombardier. Das Unternehmen ist einer der Gewinner des Innovationspreises Berlin-Brandenburg 2009.

Prämiert wird es für einen Zug, der nach dem Baukasten-Prinzip konstruiert ist. Am „Talent 2“ sind die Zuglänge, die Einstiegshöhe und die Anzahl der Türen variabel, die Sitzreihen und Toiletten können umgebaut werden. All das kann je nach Wunsch des Kunden realisiert werden. Eingesetzt wird der elektrisch betriebene Zug im Regional- und Nahverkehr innerhalb Deutschlands. Theoretisch kann er auch im Ausland fahren – mit kleinen Änderungen, weil Signalsysteme und Stromversorgung von Land zu Land unterschiedlich sind. Ein weiterer Vorteil dieses flexiblen Konzepts: Die Schienenfahrzeuge bekommen ein zweites oder sogar drittes Leben. „Züge halten dreißig Jahre“, sagt Segieth. Verkehrsverträge sind aber häufig auf zehn Jahre befristet. Wenn der Zug danach woanders eingesetzt werden soll, kann er entsprechend der neuen Bestimmung und Strecke umgebaut werden.

Die Deutsche Bahn hat mit Bombardier bereits einen Vertrag über 321 „Talent-2“-Züge abgeschlossen. Zurzeit befinden sie sich noch in der Herstellung oder werden gerade zugelassen. „Für die Strecke Cottbus-Leipzig sind zum Beispiel sechs Stück bestellt“, sagt Segieth. Auch in Berlin sollen einige Triebwagen aus der Hennigsdorfer Schmiede eingesetzt werden. Denn dort produziert Bombardier diesen Fahrzeugtyp. „Das ist natürlich schön, wenn er direkt vor der eigenen Türe genutzt wird“, findet der Entwickler. Er hatte die Innovation zusammen mit der Ingenieurin Beate Bender beim Wettbewerb eingereicht.

Beim Innovationspreis darf in jedem Jahr immer nur eine der Auszeichnung an ein Großunternehmen gehen. Bombardier ist eine internationale Firma, die in 60 Ländern agiert; Hauptsitz ist im kanadischen Montreal. Die Jury hob in ihrer Begründung jedoch die regionale Bedeutung der Erfindung hervor. Sie habe „bedeutende Beschäftigungseffekte“. Bombardier arbeitet mit kleinen und mittelständischen Unternehmen zusammen, Hennigsdorfer Firmen liefern Kunststoff-, Holz- und Stahlbauteile zu. In der brandenburgischen Produktionsstätte arbeiten rund 2500 Menschen.nap

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